Ein Abschied zu viel

von Stefan Gärtner8.02.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Annette Schavan ist nicht Guttenberg – das ist aber auch schon alles. Über ein bildungsbürgerliches Rückzugsgefecht.

Ich hätte damit leben können, wenn die Universität Düsseldorf der Bundesbildungsministerin den Doktortitel nicht aberkannt hätte, was daran liegen mag, dass ich nicht promoviert bin und außerdem weiß, dass es in den Sechzigerjahren ein Buch über „Die Doktorarbeiten der Politiker“ gab, mit einem durchaus erwartbaren Ergebnis, was die wissenschaftlichen Leistungen betraf, die die Doktorgrade da begründeten. (Die Arbeit Helmut Kohls zum Beispiel gilt in dieser Hinsicht mittlerweile als Standardwerk.) Im Plagiatsfall des niedersächsischen Politikers Althusmann hat die Universität ja auch anders entschieden und seine Fremdarbeit gewissermaßen auf Vier minus heruntergestuft, ihren offiziellen Urheber aber eben („geschlampt, nicht betrogen“) davonkommen lassen.

Reaktion des bürgerlichen Feuilletons

Viel interessanter an der Affäre ist aber, mit welcher Milde und Verteidigungsbereitschaft das bürgerliche Feuilleton auf den Vorgang Schavan reagiert, nun, da es wirklich eng für sie wird. Gestern widmete die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Seite drei dem Düsseldorfer Entscheid, und es las sich, als sei ein Kind wegen eines Klingelstreichs zu Arbeitslager verurteilt worden:

bq. „Man wird fragen: Warum ist die Schavan-Arbeit nicht mit anderen Arbeiten verglichen worden, die in derselben Fakultät ebenfalls vor 30 Jahren geschrieben worden sind? Warum ist kein zweites Gutachten eingeholt worden? Warum ist nicht zusätzlich ein externes Gutachten eingeholt worden? Gibt es nach 30 Jahren noch die Möglichkeit, gerecht zu urteilen? Gibt es keine Verjährung? Warum, bitte sehr, ist der Doktorvater nicht gehört worden? Und ist nicht eher dem Doktorvater etwas zu entziehen, der einer 25-jährigen, ehrgeizigen Studentin Zitierfehler durchgehen lässt?“

Und Dr. jur. Heribert Prantl, im Blatt für Anstand und Moral zuständig, hielt Schavans Verfehlungen wo nicht geradezu für lässlich, so doch für minderschwer: „Kern wissenschaftlichen Arbeitens sind nicht Gänsefüßchen.“ Weswegen sie ihren Titel solle behalten dürfen.

Die Bildungsredakteurin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ machte Schavan ebenfalls zum Opfer, nämlich von Kleingeist, Internet und – dies das jüngste, auch von der „SZ“ entdeckte, die Verantwortung auf gut Deutsch nach oben abschiebende Argument – mangelnder Betreuung, die doch hätte sehen müssen, dass die Anlage der Arbeit zum Abschreiben geradezu einlud:

bq. „Sollte sich der inhaltsleere Formalismus der computergestützten Plagiatssuche durchsetzen, wird es geisteswissenschaftliche Dissertationen in dieser Form nicht mehr geben können. Bei 25.000 Dissertationen im Jahr ist nicht damit zu rechnen, dass es sich in allen Fällen um originelle Arbeiten handelt, die das eigene Fach voranbringen. (…) Ist es angemessen und verhältnismäßig, dass die Schludrigkeit einer beflissenen Schülerarbeit, die nie als Dissertation hätte angenommen werden dürfen, länger verfolgt wird als Straftaten, die nach 33 Jahren längst verjährt sind? Wer sieht sich alle Dissertationen der jeweils betroffenen Zeit und der Fächer an und bestimmt darüber, wem der Doktorgrad abzuerkennen ist? Anonyme Jäger? Oder sollten Kandidaten mit geisteswissenschaftlichen Dissertationen künftig einen weiten Bogen machen um politische Ämter, weil sie befürchten müssen, dass auch in ihrer Dissertation unkorrekte Zitate, falsch gesetzte Anmerkungen oder eine fehlende Quellenangabe gefunden wird?“

Schavan ist Bildungsbürgertum

Das sind so Fragen; Fragen nämlich, vor denen die Frage verblassen soll, warum es, bitte sehr, so schwer und unzumutbar ist, “in einer wissenschaftlichen Arbeit eigene Gedanken und Formulierungen von denen anderer zu trennen.()”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/5846-schavan-und-die-wissenschaft (Und dass Schavan das eben durchaus nicht regelmäßig getan hat, kann auf der schavanplag-Website jeder nachprüfen.) Ich bin mir nicht mal sicher, ob mir das in meinem (allerdings noch sehr Bologna-fernen) Studium einer beigebracht hat, weiß aber, dass ich das von Anbeginn für eine Selbstverständlichkeit hielt und nicht der Rede wert; weil das doch wohl der Witz an der Sache ist.

Es ist wundersam, dass der Bürger, der doch sonst so vehement auf seiner Eigentumsordnung besteht und Arbeitsverträge wegen geklauter Semmeln vom Vortag auflösen lässt, plötzlich nach Verhältnismäßigkeit kräht, wenn es um Brechts „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ geht, und jovial zu bedenken gibt, ein Zitat zu übernehmen sei doch wohl kein Mord, bitte sehr, und wenn diese Pingeligkeit nicht aufhöre, werde bald niemand mehr Politiker, und was der armen Argumente mehr sind. Als würde wer gezwungen, eine Dissertation zu schreiben.

Guttenberg war ihnen noch peinlich; diese Wunde musste ausgebrannt werden, so schnell und so gründlich wie möglich, und so firmiert der einstmals „coole Baron“ („Stern“), sozusagen ausgebürgert, heute als Blender und Windei. Frau Prof. Dr. Annette Schavan wäre aber, mit Bernd Begemann, „ein Abschied zu viel“ in einer Zeit, in der das sogenannte Bildungsbürgertum nicht mehr viel zu melden hat und sich darauf konzentriert, seine Qualitäts-Sonntagszeitungen mit Anleitungen zum „perfekten Pausenbrot“ zu tapezieren. Guttenberg war Adel, den der deutsche Bürger, „politisch völlig ohnmächtig, aber radikal im Geistigen“ (Norbert Elias), sowieso immer für dumm hielt; Schavan ist Bildungsbürgertum. Ihre Dissertation ist im besten Falle minderwertig, ihr Titel mehr Ausweis als Nachweis. Fällt sie, fällt ein Popanz mit.

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