Affäre Brüderle und der Anti-Aufschrei | The European

Rolle rückwärts

Stefan Gärtner1.02.2013Gesellschaft & Kultur

Kein Fortschritt, nirgends: Über den Stand der Gleichberechtigung im Jahr 2013.

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AllzweckJack / photocase.com

Jetzt, wo die Affäre Brüderle, unterstützt durch das beharrliche, für uns Mediennutzer tatsächlich angenehme Schweigen ihres Hauptakteurs, mählich zu Ende geht, nämlich, wie alle Sensationen, versandet, wär’s ja mal Zeit für eine erste Bilanz.

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ durfte Timo Frasch (Jahrgang 1979) mit frühentwickelter, schmutzfinkiger Altherren-Süffisanz über einen Besuch Brüderles auf dem Bauernhof extemporieren („Der neue Spitzenmann der FDP soll auch Wiederkäuer belästigt haben. Eine Stallbesichtigung“, weil nämlich Euter = Brüste, hahaha!), und Claudius Seidl (Jahrgang 1959) unterzog im selben Blatt den Aufsatz der „Stern“-Journalistin Himmelreich einer „Textanalyse“, “deren Ergebnis war”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sexismus-debatte-prueder-in-waffen-12040794.html, dass sexuelle Belästigung zwar freilich pfui sei, junge Journalistinnen in Politikerrunden an Hotelbars aber auch nichts verloren hätten und sich dann halt nicht wundern müssten, wenn usw.

Selbst schuld, das Flittchen

In der „Süddeutschen Zeitung“ “klagte Marc Felix Serrao”:http://www.sueddeutsche.de/leben/sexismus-debatte-mannomann-1.1587336-2, ein Altersgenosse Fraschs, über „plumpes Lagerdenken“, weil in England z.B. häusliche Gewalt fast zur Hälfte von Frauen ausgehe, und im The European schließlich freuten sich die Leser dutzendweise scheckig, dass es eine Kollegin war, “die gegen den ganzen Sexismus-Quatsch Stellung bezogen hatte”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/5805-bruederle-debatte-und-sexismus:

bq. „Wir besitzen Macht, weil Männer auf weibliche Reize reagieren. Weil wir sie damit viel häufiger in der Hand haben, als ihnen lieb ist, und vor allem, weil wir das wissen. Wieso ist es in Ordnung, dass Frau ihr Aussehen strategisch einsetzt, aber nicht in Ordnung, dass Mann darauf reagiert? Wir dürfen also alles tun, um uns gut in Szene zu setzen, es soll uns aber bloß keiner drauf ansprechen?“

In der überschriftentauglichen Zusammenfassung: „Dann mach doch die Bluse zu!“ Bzw., wie man früher sagte, selbst schuld, “wenn das Flittchen kurze Röcke trägt”:http://www.theeuropean.de/julia-korbik/5812-aufschrei-gegen-sexismus.

Selbst die grandiose Unappetitlichkeit, dass ausgerechnet das Tittenblatt „Stern“ sich als Kämpfer für die Frauenrechte aufspielte, soll nicht davon ablenken, wie streng es hier nach gestern riecht: Sexuelle Belästigung ist, wenn Frauen wegen nichts hysterisch werden bzw. sich allzu gut in Szene gesetzt haben, strategisch. Die Frage, welchen Grund es hat, dass Frauen sich strategisch in Szene setzen, und zwar per knapper Bluse, kann eins da freilich ausblenden, und warum es keinem Mann einfällt, seinen Pullermann strategisch aus der Hose hängen zu lassen oder wenigstens mit nackter, behaarter Brust im Büro zu erscheinen.

„Frauenpower“ ist selbst für Frauen gleich „Dekolleté“

Richtig: Weil sein Chef wahrscheinlich keine Frau ist. Auch wenn, wie hier zu lesen war, sich junge Damen beim „Bachelor“ prostituieren oder 13-Jährige mit Push-up-BH zur Schule kommen, hat das nur sehr bedingt mit „befreiter“, selbstbestimmter Sexualität zu tun, sofern man noch in der Lage ist, „frei“ anders als mit der trüb kapitalistischen Konnotation zu lesen, die die Freiheit zum Verkaufen meint. „In einer Folge ,Bachelor‘ lernt man mehr über Frauen als durch 100 feministische Bücher“ – ganz falsch, furchtbar falsch: In einer Folge „Bachelor“ lernt man etwas über eine Gesellschaft, die nichts dabei findet (und es sogar fördert), wenn Frauen sich arglos bis begeistert als verzehrfertig offerieren. Keine 13-Jährige auf der Welt zieht einen Push-up-BH an, weil das genetisch programmiert wäre. Sie zieht ihn an, weil das einem Rollenbild entspricht, und Rollenbilder werden diktiert. Und sei’s von RTL (auch wenn man da womöglich nicht weiß, was Patriarchat bedeutet).

Dort, wo der Genderdiskurs etwas weniger reaktionär ist, ist das Phänomen als „Pinkyness“ bekannt: Die Unterstellung, die Frau sei längst befreit, erleichtert einen (eben als freiwillig empfundenen, durch den allgemeinen gesellschaftlichen Zug ins Regressive noch erleichterten) Rückfall in Zeiten, als Mädchen noch Prinzessinnen waren, und wer sich in der Spielwarenabteilung über knallrosa Regalmeter und lebensechte Spielzeugbügeleisen wundert, der darf sich fragen, ob das nicht einer der Gründe ist, warum die fortschrittliche „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ein reines Frauenproblem ist. Und „Frauenpower“ selbst von Frauen wieder mit „Dekolleté“ übersetzt wird.

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