Nicht „Neger“ zu dem Putzmann sagen!

von Stefan Gärtner18.01.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Warum die Bereinigung von Kinderliteratur nicht der Minder-, sondern der Mehrheit dient.

Nun könnte man finden, dass, während drei Flugstunden südlich ein afrikanisches Land unter Leuten leidet, die glauben, den Willen ihres Gottes durchzusetzen, indem sie Frauen, deren Kopfhaar man sieht, auspeitschen, und Männern, die einen Apfel gestohlen haben, die Hand abhacken, es größere Probleme gibt als die Frage, ob es recht und angemessen sei, dass schwarze Menschen in deutschen Kinderbüchern nicht mehr Neger und Sinti und Roma nicht mehr Zigeuner heißen, selbst dann nicht, wenn es in den Büchern, die fünfzig Jahre und älter sind, ganz ohne böse Absicht geschah und der Nachweis, Generationen von Kindern seien durch „Pippi Langstrumpf“ oder „Die kleine Hexe“ zu Rassisten geworden, vollständig fehlt.

Aber die zivilisierte, wohlmeinende Dummheit, Kinderbuchklassiker zu bereinigen, ist mit der barbarischen, bösartigen Dummheit der sogenannten Islamisten immerhin verwandt, indem es sich zweimal um die Dummheit des Dogmas handelt.

Dogma kennt keine Kausalität

Das Dogma ist dumm, weil es Denken ausschließt. Ein Dogma ist da, um den intellektuellen Austausch darüber, wie sinnvoll und vernünftig die dogmatische Vorschrift sei, prinzipiell und von vornherein zu unterbinden. „Weil darum“ ist die Kinderantwort, die das Wesen des Dogmas beschreibt. Das Dogma kennt keine Kausalität, und wo die fehlt, gar inkriminiert ist, wird der Mensch dumm.

Es ist leicht, sich in Angelegenheiten, die unter dem Rubrum „politische Korrektheit“ verhandelt werden, falsche Freunde zu machen. Aber es ist nicht dasselbe, den Bann überm N-Wort im Grundsatz lächerlich zu finden oder die Frage zu stellen, inwieweit es nicht im Orwell’schen Sinne Geschichtsfälschung sei, historische Dynamik ins Statische umzulügen („We’ve always been at war with Eastasia“), den „Neger“ also aus dem Bild zu retuschieren, das, wie jedes Bild, seinen historischen Ort hat. Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, ist die dogmatische Parole, und wenn es aber doch gewesen ist, muss es aus dem kulturellen Gedächtnis entfernt werden (weswegen Islamisten gern Kulturdenkmäler und Mausoleen sprengen).

Das ist schon deshalb problematisch, weil jemand bestimmen muss, was bleiben darf und was nicht, und es ist die Frage, ob man diese Entscheidung dem nächstbesten Dschihadisten oder auch nur dem „SZ“-Feuilleton überlassen will: „Was wollen die Befürworter der historisch unverfälschten Kinderbücher wirklich schützen? Den dichterischen Wert von Lindgren und Preußler? Die beiden sind, mit Verlaub, dann doch nicht Goethe.“ Ein Neger bei Goethe (oder dem Negerforscher Kant) dürfte also bleiben, ein Zigeuner bei Preußler darf es nicht, par ordre du mufti, der in diesem Fall Burkhard Müller heißt.

Moral nur ein anderes Wort für Klasseninteresse

Und aber immerhin merkt, dass es so einfach dann doch nicht ist: „Eigentlich haben wir es hier mit zwei konkurrierenden Heucheleien zu tun. Die eine gibt vor, das Alte sei schon als solches heilig, um dem Neuen aus dem Weg zu gehen. Das andere führt punktuell das Neue ein, damit insgesamt doch alles beim Alten bleibt. Und in jedem Fall sind es besorgte Eltern, die es tun.“

Da liegt, wie oft, der Hase im Pfeffer: So wenig ein gesprengtes Mausoleum oder eine amputierte Hand eine Gesellschaft oder auch nur eines ihrer Mitglieder vorm nicht dogmatisch „Bösen“, sondern dem ganz realen schützt, das Gründe und Nutznießer hat, so wenig ändert sich für den geduldeten Asylanten aus Mali oder Mosambik, der sich als „illegale“ Putzhilfe durchschlägt, wenn aus dem Negerkönig, der zu werden ihn nicht Astrid Lindgren, sondern der IWF hindert, ein Südseekönig wird. Aber um ihn geht es auch nicht, sondern um den Seelenhaushalt unserer nimmermüd besorgten Mittelschichtseltern, für die in einer Gesellschaft, „die sich auf kein humanistisches oder soziales Ziel mehr einigen kann“ (Metz/Seeßlen), Moral nur ein anderes Wort fürs Klasseninteresse sein kann: Denn zu wissen, dass man weder „Neger“ sagt noch „wichsen“, unterscheidet einen auch dann noch vom Pöbel, wenn sich die Altbauwohnung vielleicht nicht mehr bezahlen lässt.

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