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Ein Frühlingsfest der Volksidee

Wer Israel kritisiert, ist kein Judenfeind, und wer Nicht-Arier halb totdrischt, kein Verbrecher: Wie schön, dass man es als Volksdeutscher gar nicht falsch machen kann.

Nachdem die Frage, ob der Kolumnist Augstein ein lupenreiner Judenfeind, kritischer Judenfreund oder bloß ein „streitbarer“ (M. Müller von Blumencron, „Spiegel online“), dem Aufklärungsethos des Spitzenjournalisten verpflichteter Beobachter der Politik des Staates Israel sei, zur allgemeinen Zufriedenheit beantwortet war: „Das Phänomen, um das es geht, das Phänomen, das bekämpft werden muss, wo immer es sich zeigt, ist der Hass auf Juden, es ist das Ressentiment gegen Juden, es sind die ganzen Vorurteile und Verschwörungstheorien, welche böse Rassisten zusammenbasteln, um sich selbst und die anderen glauben zu machen, dass sie nicht Täter, sondern Opfer seien. Genau das hat aber Jakob Augstein nie getan“ (Claudius Seidl, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“), und man also den Gaza-Streifen ruhig ein „Lager“ nennen darf, ohne dass eine böse Absicht vermutet werden müsste – nachdem das also geklärt war, ging alles wieder seinen regulären deutschen Gang.

Ende April des vergangenen Jahres, berichtete die Morgenzeitung vorgestern, spaziert eine deutsche Familie syrischer Abkunft im sachsen-anhaltinischen Eisleben über ein Frühlingsfest. Die Familie wird, in aller Öffentlichkeit, von drei Neonazis überfallen und, mit Schlagring und Teleskopschlagstock, krankenhausreif geprügelt. Noch als die Opfer am Boden liegen, wird mit einem Bierkrug auf sie eingedroschen, Pardon wird nicht gegeben. „Die Angreifer treten der bewusstlosen Frau in den Bauch, sie nehmen ihren Kopf mit beiden Händen und schlagen ihn mehrmals mit Gewalt auf den Boden.“ Der Verlobte der Tochter blutet „aus jeder Pore“, ein Rettungshubschrauber bringt ihn in die Klinik, er liegt tagelang im Koma. Die Mutter geht noch heute an Krücken, sie hat Angst, aus dem Haus zu gehen. Die Familie ist aus Eisleben, wo sie 16 Jahre lebte, fortgezogen.

Gute und schlechte Araber

Die drei Neonazis, deren Namen bekannt sind – das ist die Pointe, derentwegen der Vorfall überhaupt in der Zeitung steht –, sind bis heute auf freiem Fuß. Acht Monate lang hat die Staatsanwaltschaft gebraucht, um überhaupt Anklage zu erheben, und zwar nicht wegen versuchten Mordes oder Totschlags, sondern wegen gefährlicher Körperverletzung. Ein Tötungsvorsatz könne, Bierkrug hin, Schlagstock her, nicht bejaht werden. Deswegen liegt die Sache auch nicht beim Land-, sondern bloß beim Amtsgericht. „Das Amtsgericht ist für leichtere Fälle zuständig, Wirtshausschlägereien zum Beispiel“ („SZ“).

Die deutsche Haltung zum Araber ist eine eigentümlich ambivalente: Einerseits ist er, wenn es um Israel geht, als schuldlos in Bedrängnis geratener Lagerinsasse unserer umfänglichen Anteilnahme würdig. Wird der Araber aber gerade einmal nicht benötigt, um den Juden als Schergen und KZ-Wächter dastehen zu lassen, kann man ihn halb totschlagen, und eine deutsche Staatsanwaltschaft kümmert es einen Scheißdreck. Vielleicht kann man diese „gründlich durchzivilisierte“ (Antje Vollmer) Haltung so zusammenfassen: Ein Araber ist ein guter Araber, wenn er da ist, wo er hingehört: nach Tel Aviv, Jerusalem und Haifa nämlich. Dann ist beim Juden Ruh’, und in Eisleben auch.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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