Die Biedermeier

von Stefan Gärtner3.01.2013Gesellschaft & Kultur

Wenn es Utopie nur in der Retroversion gibt, dann kann man aus dem geistigen Schrebergarten auch gleich in den richtigen umziehen.

Das Wort Benjamins, wonach die Katastrophe darin besteht, dass es immer so weitergeht, gehört zu denen, deren Anfälligkeit fürs Zutodezitiertwerden nichts daran ändert, dass sie wahr sind, und wer ein Familiensilvester verbracht hat (heißt: ein Silvester mit Familien) und sich zwischen zweiter Vorspeise und Hauptgang, sofern das der vorzügliche Chardonnay noch zuließ, fragte, was auf diese Kinder, die so selbstvergessen ihre Tröten bedienten, zukommt, den mochte die Einsicht deprimieren, dass es immer bloß dasselbe ist.

Es kommt darauf an, zu kaufen und zu verkaufen

Zwar, die freiheitlich-demokratische Grundordnung hat gesiegt, und die Kleinen, die da tobten, sind Wohlstands- und Akademikerkinder und werden ihre Schul- und Universitätsausbildung so selbstverständlich erhalten wie McDonald’s-Kunden ihren Burger und werden lernen, dass es in er Hauptsache darauf ankommt, zu kaufen und zu verkaufen, weil ihr Leben erst dann als gelungen eingestuft wird, wenn sie sich derart gut verkauft haben, dass aus der konsumdemokratischen Freiheit zum Quatschkaufen keine marktkonforme Freiheit zum Verschimmeln geworden ist. (Vergangene Woche stand in der Zeitung, im letzten Jahr seien doppelt so viele Kleidungsstücke gekauft worden wie vor zehn Jahren und dass die Lust der Deutschen an Geländefahrzeugen trotz Benzinpreis und galoppierendem Klimawandel ganz ungebrochen ist. Gleichzeitig sind drei von vier Hartz-IV-Beziehern dauerhaft auf Stütze angewiesen.) Aber im Ernst „sinnvoll“ wird man ein Leben, das sich, wenn es gut läuft, fugenlos aus Verwerten und Verwertetwerden zusammensetzt, kaum nennen wollen, und jene pressenotorischen Klassengenossen, die mit Klein-Gustav und Wilhelmine im Großstadtschrebergarten Biogemüse ziehen und im Internet selbstgemachte Topflappen anbieten, reagieren auf die ihnen gemäße, nämlich regressive Weise. „Das neue Biedermeier“

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