Die Witwe und der Blumenhändler

von Stefan Gärtner28.12.2012Gesellschaft & Kultur

Verletzungserregungen, Erregungsmengen: Unter welchen Bedingungen der bedeutendste Verlag der Welt dann meinetwegen doch nicht zu verschwinden braucht.

Die Welt ist ja, dem Anschein nach, nun doch nicht untergegangen (wenn 20 Grad plus an Heiligabend den Weltuntergang nicht immerhin ankündigen), und wenn es nicht der Weltuntergang ist, der die nachrichtenarme Zeit zum Jahresende füllt, dann doch wenigstens etwas so Weltbewegendes wie der Krach im Verlagshaus Suhrkamp. Es streiten sich die Anteilseigner, namentlich die hochheilige Unseld-Stiftung und ein pfeffersäckischer Investor, ein Konflikt gewissermaßen des Sakralen mit dem Profanen. Man sieht sich vor Gericht.

Das Geld dem Geist untergeordnet

Das Feuilleton war sehr besorgt, denn Suhrkamp, das ist so etwas wie der Vater aller Verlage, ein Verlag, in dem nach einem Wort des Verlagspatrons Siegfried Unseld nicht Bücher, sondern Autoren verlegt werden – in diesem pathetisch-geschmäcklerischen Satz steckt bereits das drin, was als „Suhrkamp-Kultur“ bald Bewunderung, bald Spott fand: der Anspruch, Mittelpunkt der intellektuellen Welt zu sein, Deutungshoheit zu verlegen und das Geld dem Geist, der es verdient, dabei möglichst unterzuordnen. (Als der österreichische Jungautor Thomas Bernhard 1964 zum Verlagseintritt von Unseld außer dem Vorschuss noch ein Darlehen verlangt, um sich ein Haus zu kaufen [!], überweist Unseld 40.000 Mark und lässt sich dafür jahrzehntelang erpresserische Geldforderungen und sonstige Unverschämtheiten bieten.)

In einer Welt aber, in der alles Ware ist, muss auch ein Verlag funktionieren wie ein Blumenladen oder eine Tankstelle und führt ein solches Sendungsbewusstsein zu Verblasen- und Selbstbesoffenheit, zu Weihegeklingel und Eigentlichkeitsjargon, weshalb die Suhrkamp-Kultur in Eckhard Henscheids „Dummdeutsch“-Wörterbuch als „Sammelbegriff für Verständigungstexte, Verletzungserregungen, Erregungsmengen und allgemeine Verwundbarkeiten“ gilt; und während Verlagsmythos Unseld, bei aller kulturbewegenden Kraftmeierei, den Kaufmann in sich immer kannte („Auch das reine Kaufen, ohne die Absicht zu lesen, ist durchaus ehrenwert!“), musste seine Witwe, die esoterisch bewegte Schriftstellerin Ulla Unseld-Berkéwicz, den „Anspruch“, ohne den es im Hause nun einmal keine Sekunde geht, so seelen- wie glutvoll durch einen schon ganz und gar narrischen und wichtigkeitstrunkenen Umzug in die Literaturhauptstadt Berlin in Szene setzen, wo die Verlegerin in ihrer Privatvilla „einen verlagseigenen Literatur-Salon führt“ (Internet) und Teile des Hauses für sehr viel Geld an den Verlag vermietet, aber ohne Zustimmung des Minderheitseigners, der sich übergangen fühlt und geklagt hat. Und deshalb von Peter Handke als „abgrundböser Unhold“ und von Rainald Goetz als „Wimp, Rechtsquerulant, Feigling mit Blumenhändler-Rolex“ beschimpft wird. So wie „Welt“-Redakteur Kämmerlings dafür, der Witwe Erbschleicherei unterstellt zu haben, von „FAZ“-Schirrmacher als Rufschädiger und Küchenpsychologe. Usw.

Kein Auseinanderbrechen, kein lachhaftes Brimborium

„Bei Suhrkamp“, sagt ein Mainzer Buchwissenschaftler in der Presse, „geht es zunächst einmal um eine kulturelle und gesellschaftliche Rendite. Natürlich muss auch ein Verlag langfristig schwarze Zahlen schreiben. Aber dass Suhrkamp etwa wie Random House aus dem Bertelsmann-Konzern zehn Prozent Gewinn erwirtschaftet, ist nicht von vornherein zu erwarten.“ Denn hier regieren die gesellschaftlich-kulturellen Renditesubjekte, und mit den prominentesten unter ihnen illustrierte die „SZ“ das einschlägige Interview, das sie mit dem treuen Suhrkamp-Autor Goetz führte: rechts-ästhetizistische Schwätzer (Grünbein), reaktionäre Hofsänger (Tellkamp), Dinosaurier des gepflegt-folgenlosen Diskurses (Enzensberger), triumphale Nieten (Lewitscharoff), für die und mit denen einen Literatur-Salon als unbestrittenes Zentrum deutschen Intellektuallebens führen zu müssen der Dame Berkéwicz (Buchtitel: „Engel sind schwarz und weiß“, „Überlebnis“) dann allerdings auch recht geschieht.

Dass der Suhrkamp-Verlag „auseinanderbricht“, wie die Presse halb perhorreszierend, halb sensationsgeil raunte, soll ein Autor dem anderen nicht wünschen; dass im neuen Jahr das weniger „deprimierende“ (Schirrmacher) denn lachhafte Brimborium um die Zentrale des deutschen Weltgeistes samt ihrer (bzw. eben seiner) illustren Chefin nicht weiterrast und -trampelt, wäre aber meine Bedingung.

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