Dreck lass nach

Stefan Gärtner14.12.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Deutschland ist im Viertelfinale der Kompetenzweltmeisterschaften der Sechs- bis Zehnjährigen ausgeschieden: über die entsetzlichste Zeitungsschlagzeile des Jahres 2012.

Die Presse im Nationalsozialismus, schrieb Karl Kraus, als ihm zu Hitler über 300 Seiten hinweg nichts einfiel, sei keine Folge dieses Nationalsozialismus, sondern dieser, umgekehrt, deren Erfüllung.

Gut, dass wir da heute weiter sind.

Die Schlagzeile: So infam, so widerwärtig

Am vergangenen Mittwoch, inmitten von Finanzkrisen, Werksschließungen und Klimakatastrophen, erkor die „Süddeutsche Zeitung“ das Folgende zur Spitzenmeldung: “„Deutsche Grundschüler lassen nach“”:http://www.sueddeutsche.de/bildung/internationale-bildungsstudien-deutsche-grundschueler-lassen-nach-1.1548153; und hatte freilich auch allen Grund dazu:

bq. „Deutschlands Grundschüler erzielen im internationalen Vergleich zwar überdurchschnittliche Leistungen, sind aber beim Lesen zurückgefallen. Dies ist das Ergebnis der internationalen Schulstudien Timss und Iglu, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurden. Demnach zählen die deutschen Viertklässler in den Fächern Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften nach wie vor zum obersten Drittel. Allerdings stiegen sie im Vergleich zu den vorhergehenden Untersuchungen von 2006 und 2007 beim Lesen von Platz 9 auf Platz 17 ab. In Mathematik und den naturwissenschaftlichen Aufgaben fielen die Grundschüler vom jeweils 12. Platz auf Rang 16 (Mathematik) und Rang 17 (Naturwissenschaften).“

Usw.

Vom Fußballplatz kennt man den ehrgeizigen Vater, der seinen Sohn (oder neuerdings die Tochter) hochrotköpfig schreiend zum Flanken, Abgeben oder Draufhalten animiert; in diesem Sinne scheint sich die erzliberale, der bürgerlichen Freiheit wie der Aufklärung insgesamt verschriebene „SZ“ als gesamtideelle Ambitionsidiotin zu verstehen, die das bildungsbürgerliche Bedürfnis der Kundschaft, den täglichen Klassenkampf als Leistungsgesellschaft verbrämt zu bekommen, professionell zu bedienen weiß und dem vulgären Schwachsinn des zeitgenössischen Rankingwesens mit Schmackes auf den Begriff hilft. „Deutsche Grundschüler lassen nach“ – so infam, so widerwärtig diese Schlagzeile ist, wo sie Sechs- bis Zehnjährige dafür in den Senkel stellt, beim Kampf um die Bildungsweltherrschaft an Fanatismus verloren zu haben, so bildet sie doch die Mentalverfasstheit einer Gesellschaft ab, die sich für ihre Freiheitlichkeit in die Brust wirft, aber Freiheit nur als die zum Hauen und Stechen verstehen kann.

„In Mathematik und den Naturwissenschaften haben die deutschen Viertklässler ihr Niveau zwar insgesamt halten können. Eine Reihe von Staaten konnte sich aber deutlich verbessern. Die Tschechische Republik hat Deutschland in den Naturwissenschaften überholt, Dänemark in Mathematik. Die Spitzenplätze holten Hongkong (Lesen), Singapur (Mathematik) und Südkorea (Naturwissenschaften)“ – Bildung als Skisprungwettbewerb. Doch wem die Buchs vorn spannt, weil deutsche Drittklässler das Einmaleins schneller hersagen können als die von Montenegro, der hat sie nicht alle, sowenig wie der Fußballvater sie hätte, dessen Bezugsgröße nicht der Spaß (von mir aus: der Erfolg) des Sprösslings, sondern die Torquote französischer F-Jugendlicher wäre.

Unwichtig, solange die Headlines stimmen

„Natürlich sind solche Studien nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Schule bedeutet viel mehr als Leistungstests. Sie steht auch für Herzensbildung und Gemeinschaft“ – sieh an; wie der Kommentar zur Meldung auch weiß, dass der Hase im nationalen Pfeffer liegt: „Der Nachwuchs aus bildungsbürgerlichem Hause hat eine fast dreieinhalb Mal so hohe Chance, fürs Gymnasium vorgeschlagen zu werden, als Kevin oder Murat aus dem Arbeiter- oder Hartz-IV-Haushalt – bei gleicher Leistung wohlgemerkt.“ Die u.a. darin bestehen müsste, zwischen „als“ und „wie“ zu unterscheiden und den Faktor 4,7, um den (laut Timss und Iglu) ein deutsches Arztkind eher auf dem Gymnasium landet als das eines Klempners, nicht mit „fast dreieinhalb Mal“ zu übersetzen. Aber solche Details sind vielleicht unwichtig, solang das Wörterbuch des instrumentell versauten Unmenschen für die Headlines sorgt und sich auch der frühe Kraus noch Tag für Tag bestätigt findet: „Die intellektuelle Presse macht dem Schwachsinn des Philisters Mut und erhebt die Plattheit zum Ideale.“ Titel des „Offenen Briefes an das Publikum“ von 1908: Apokalypse.

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