Prügeln und geprügelt werden

von Stefan Gärtner7.12.2012Gesellschaft & Kultur

Gewalt auf dem Fußballplatz ist gesellschaftliche Gewalt. Da nützt Sozialarbeit so wenig wie der Ein-Euro-Job dem Arbeitslosen.

In den Niederlanden wird ein ehrenamtlicher Linienrichter von drei jugendlichen Fußballspielern wegen einer Entscheidung, die nicht die Billigung der drei jugendlichen Fußballspieler findet, auf eine Weise zusammengetreten, dass der ehrenamtliche Linienrichter stirbt. In Holland herrscht „blankes Entsetzen“ („Stuttgarter Nachrichten“), der Verein, für den die drei jugendlichen Fußballer tätig waren, zieht seine Mannschaft aus der Liga zurück, 100 ehrenamtliche Schiedsrichterkollegen kündigen an, nie mehr schiedsrichtern zu wollen. In den Kommentaren ist von Sozialarbeit die Rede.

„Noch kein toter Schiedsrichter in Deutschland ist Glücksfall“

Gewalt gegen Schieds- und Linienrichter ist in den unteren Fußballligen, in den Niederlanden wie in Deutschland, aber fast schon der Normalfall:

bq. 873 Vorfälle – und das sollen nur die schlimmsten Attacken sein – registrierte der niederländische Fußballverband KNVB im vergangenen Jahr; 105 Mannschaften wurden aus den Ligen genommen, 74 Spieler lebenslang gesperrt. Gewalt gegen Schiedsrichter ist auch auf deutschen Plätzen Alltag.
„Dass es in Deutschland noch keinen toten Schiedsrichter gab, ist ein Glücksfall“, sagt Gewaltforscher Gunter A. Pilz “im Gespräch mit news.de”:http://www.news.de/sport/855371883/gewalt-gegen-fussball-schiedsrichter-tatort-kreisklassejeder-pfiff-kann-toedlich-sein/1/.
Nur ein Beispiel: Erst im Oktober wurde bei einem A-Jugend-Spiel in Rosenheim ein Schiedsrichter so schwer verletzt, dass er bewusstlos wurde und ihm die Erblindung droht. Talip S., einer der Trainer, ging dazwischen: „Ich wollte nicht, dass sie ihn totschlagen“, sagte er und wurde selbst umgetreten. Egal ob in der Kreisklasse, bei Nachwuchsspielen oder den Senioren – „auf dem Fußballplatz suchen viele Menschen ihre Bestätigung, und wenn das nicht funktioniert, dann haben sie ihre Emotionen nicht mehr unter Kontrolle“, sagt Professor Pilz. „Diese Meldungen zeigen, dass das Problem sehr ernsthaft ist und dringender Behandlung bedarf.“

Gut, dass es die Sozialarbeit gibt.

Palliativmedizin bedeutet, dass da, wo Heilung nicht erwartet werden kann, die Symptome stillgestellt werden, und wenn jetzt, durchaus erwartbar, mehr Jugendarbeit eingeklagt wird und Schiedsrichter ein Sicherheitstraining aufgebrummt bekommen, dann wird das nichts an Zuständen ändern, in denen Menschen auf eine derart extreme Art der Bestätigung bedürftig sind, dass das Ausbleiben dieser Bestätigung mit schwerer Körperverletzung, schlimmstenfalls Totschlag beantwortet wird.

Sportfeuilletonistische Versuche, Art und Weisen des Fußballspielens mit gesellschaftlichen Verhältnissen engzuführen – Netzer und die Tiefe des Raumes als Konkretion sozialliberaler Reformpolitik, die achtziger und neunziger Jahre dagegen bieder wie Kohl usw. – sind mit allergrößter Vorsicht zu genießen und empirisch schwer bis gar nicht haltbar; läuft der Ball nicht, sind Fußballer und Fans aber, wie auch nicht, Sozialwesen, deren Bewusstsein dem gesellschaftlichen Sein entspricht, das sich immer fugenloser aus Regression und Aggression zusammensetzt.

Gewalt kommt nicht aus der Umkleide

So regressiv, wie der Laden seine Kundschaft, die nichts als Kundschaft sein soll, braucht (so blöd nämlich, wie er ihr im Werbespot vorlügt, dass sie nicht sei), so benimmt sie sich dann auch, und wenn die kapitalistische Leistungsgesellschaft für die wachsende Zahl ihrer Verlierer nur Rassenhass (c/o Geert Wilders, Hans-Peter Friedrich) und/oder den Spott der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme übrig hat und die Angst und Ohnmacht derer, die noch Geld verdienen dürfen, immer bösartiger auf die Depravierten umgeleitet wird („Bild“: „Wollte dieser Arbeitslose drei Frauen vergewaltigen und ermorden?“), dann ist das Fass so voll, dass selbst der Spritzer einer Abseitsentscheidung es zum Überlaufen bringt.

Das rechtfertigt nichts; aber wer will, dass es aufhört, muss mindestens zur Kenntnis nehmen, dass die Gewalt, die sich hier Bahn bricht, nicht aus der Umkleide kommt, sondern aus der Schule, aus dem Arbeitsamt, aus den Verlautbarungen der Sachwalter (Merkel: „Die Agenda 2010 war richtig“), von überall her also, wo Stärke gefragt und Schwäche verachtet wird und zwischen Glück und Unglück nicht mehr als die Frage liegt, ob man prügelt oder geprügelt wird.

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