Ein Denkmal für Hartz

von Stefan Gärtner30.11.2012Innenpolitik, Wirtschaft

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört: Wie das ZDF einmal in drei Minuten und 24 Sekunden Hartz IV erklärte und keine Frage offenblieb.

Am Mittwoch zeigte das “Zweite Deutsche Fernsehen in seinem „heute journal“()”:http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1784872/Arm-und-Reich-nähern-sich-etwas-an eine Frau in den besten Jahren, die als Reinigungskraft arbeitet, Nachtschicht. „Heidi Ralfs fährt zur Arbeit, wenn andere in den Feierabend gehen“, erläuterte der Reporter und nannte den Tariflohn von 8,82 Euro. „Nicht sehr viel, aber für Heidi Ralfs besser, als bei Ämtern und Behörden um Sozialleistungen bitten zu müssen.“ Frau Ralfs: „Wenn es einem schon mal richtig schlecht gegangen ist, dann ist man auch froh um diesen Job, dass man nicht mehr das Innere nach außen kehren muss, verstehen Sie, dass man keinen fragen muss um das Geld.“

„Lieber einen schlechten Job als gar keinen“

Der Reporter fuhr fort: „So mühselig Jobs wie die von Heidi Ralfs sind, sie bringen wieder etwas mehr Gleichheit nach Deutschland. Wenn Heidi Ralfs sich von ihrer Arbeitsnacht erholt, forscht Markus Grabka über Gleichheit und Ungleichheit in unserer Gesellschaft“, und das Ergebnis, so der Forscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, nachdem er ins Bild gestiegen war, sei erfreulich, weil die viel beschworene Schere zwischen Arm und Reich sich langsam schließe.

„Ein Blick auf die verfügbaren Einkommen zeigt deutliche Unterschiede“, erläuterte die Infografik, denn die unteren 40 Prozent der Einkommen hätten sich zwischen 2005 und 2010 real um 5 Prozent, die mittleren 40 Prozent um immerhin 4 Prozent erhöht, während bei der Spitzengruppe ein Nullwachstum zu verzeichnen sei. Und während der Zuschauer sich noch fragen mochte, wie „deutlich“ (ZDF) ein Unterschied zwischen 5 Prozent von 1.800 Euro und 0 Prozent von 200.000 Euro eigentlich ist, folgte der Hinweis auf Teilzeit- und Leiharbeit, deren starker Anstieg für die guten Zahlen verantwortlich sei.

Eine Frau Jutta Allmendinger von einem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung forscht nun wiederum zu genau diesen Beschäftigungsverhältnissen, deren Vor- und Nachteile der Reporter gern zusammenfasste: „Weniger Lohn, mehr Risiko, und man kommt schwer in reguläre Beschäftigungen zurück. Trotzdem gilt: Lieber einen schlechten Job als gar keinen.“ Frau Allmendinger: „Wir haben sehr viele Zufriedenheitsuntersuchungen, die immer und immer wieder angeben und dass auch schon seit Jahren angeben, dass jede Art der Beschäftigung besser ist als die Arten der erzwungenen Nichterwerbstätigkeit. Wenn ich im Arbeitsleben bin, treffe ich andere Leute, ich tausche mich aus, ich kann die Bildung, die ich habe, umsetzen, ich habe Kontakte. Das ist ein ganzes Bündel von ganz unterschiedlichen Dingen, es ist nicht nur Geld.“

Ungleichheit spätestens 2512 erledigt

Zum Abschluss fuhren Heidi Ralfs und Kolleginnen in den Feiermorgen, und der Reporter hoffte mit ihnen, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter schließen möge, „denn das Niveau der Ungleichheit in Deutschland liegt immer noch auf einem historischen Höchststand, trotz der neuesten Entwicklungen“. Was, wenn wir’s mit Logik versuchen, nur heißen kann, dass entweder das Gerede von der sich schließenden Schere nicht stimmt oder das mit dem Höchststand, aber gut, am nächsten Tag lesen wir in der Zeitung, dass man das sowieso alles auf die eine oder die andere Art ausrechnen könne, so wie man ja eh bloß den Statistiken glauben soll, die man selbst gefälscht hat.

Egal. Bzw. jedenfalls: Was haben wir gelernt? Alles über den Sinn und Zweck von Hartz IV (wenn auch optimistisch verbrämt, es war ja Staatsfernsehen), der darin besteht, es Menschen wie Heidi Ralfs via Schikane auf Ämtern und Behörden – bei denen man kein Recht geltend macht, sondern, sein Inneres nach außen kehrend, „um Geld fragt“, also bettelt – so lange so richtig schlecht gehen zu lassen, dass sie sich ernsthaft und aufrichtig und von Herzen über einen nächtlichen Putzjob freuen, denn da kriegen sie Kontakte, können die Bildung, die sie haben, vollumfänglich umsetzen und bringen etwas mehr Gleichheit nach Deutschland. Und besser als Teilzeit- oder Leiharbeit oder Arten der erzwungenen Nichtbeschäftigung ist es in jedem Fall.

Wenn das so weitergeht, hat sich das mit der Ungleichheit hierzulande wohl spätestens 2512 erledigt. Spätestens dann sollte Peter Hartz aber auch ein Denkmal kriegen.

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