Feuer marsch

von Stefan Gärtner16.11.2012Innenpolitik

Jeder siebte Ostdeutsche ist oder wäre gerne Nationalsozialist. Ein Glück, dass wir unseren wehrhaften Journalismus und ein aufgeklärtes Bürgertum haben.

Die einfachste Lösung ist immer die, “die im Leitartikel steht”:http://www.sueddeutsche.de/politik/rechtsextremismus-in-deutschland-wer-getreten-wird-der-tritt-1.1522549 und die darauf hinausläuft, dass es besser werden muss, wenn es besser werden soll.

Freundliche Heuchelei

bq. „13 Jahre nach dem Mauerfall hat sich in den unteren Etagen der Gesellschaft eine giftige Schlacke angesammelt. Sie breitete sich besonders dort aus, wo es an Arbeit fehlt, an Bildung, Selbstbewusstsein – und an der Überzeugung, dass Solidarität mit Minderheiten oder Schwächeren etwas bringt. Immer mehr Menschen fühlen sich da als Verlierer und agieren nach dem Motto: Wir sind schon abgehängt, wir geben nichts ab. Daraus wird, frei nach Brecht: Wer getreten wird, der tritt“

… und zwar nach Juden, Negern und sonstigen Ausländern. Über 15 Prozent der Ostdeutschen haben nämlich das, was man ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild nennt, und da schürzen sich nicht nur bei der furchtbar liberalen Constanze von Bullion („Süddeutsche Zeitung“) die Stirnfalten, dass es eine Art hat:

bq. „Die Ostgesellschaft, auch das gehört zur verdrängten Wahrheit, hat ihr braunes Erbe nie aufgearbeitet. Und im Westen, unter Migranten und Verlierern der Wohlstandsgesellschaft, schotten sich immer mehr gegen eine Gesellschaft ab, die sich pluralistisch nennt, aber Vielfalt nur widerwillig erträgt. Wer das ändern will, kann nicht nur auf andere zeigen, sondern muss selbst vorleben, wie das geht: Reichtum teilen; demokratischen Geist heranbilden, überall; Rechtsextremismus konsequent sanktionieren.“

Man sieht den Studienrat und die Besitzerin eines Ladens für Designerpullover aus regional produzierter Biowolle förmlich vor sich, wie sie die Zeitung weglegen und sich heißen Herzens dazu entschließen, das Gute vorzuleben, ihren Reichtum zu teilen und demokratischen Geist vollumfänglich heranzubilden und nämlich die Klassengesellschaft, der Rassenhass, Antisemitismus und verwandte Formen der Minderheitenskepsis unauslöschbar eingeschrieben sind, abzuschaffen. Da sie das weder wollen noch werden noch können (so wenig wie Bürgerjournalistinnen, die mit der Rechenaufgabe 2012 minus 1989 schon überfordert sind), bleibt’s bei der bewährten Trias aus Kopfwackeln, Halbwahrheit und Sozialknigge, die außer dem guten Gefühl, sich engagiert eingebracht zu haben, füglich keine Folgen hat; und deren freundliche Heuchelei noch fördert, was doch bekämpft werden soll.

Wo Schlacke ist, ist Feuer

Denn die Mittelschicht als ideeller Kern der in Rede stehenden Wohlstandsgesellschaft ist doch “nach neuester Überzeugung Opfer eines Staates”:http://www.theeuropean.de/wolf-christian-ulrich/5413-deutsche-mittelschicht, der Ober- wie Unterschicht von der Mitte durchfüttern lässt, was nicht eben nach danach klingt, als wolle man’s mit der Vielfalt übertreiben und den Losern etwas anbieten, was über die inhaltslos-zynische Forderung nach „Bildung“ hinausginge. Dass Ausländer bitte darauf achten sollen, der Deutschen Gastrecht nicht zu missbrauchen, war neulich erst in der „Zeit“ zu lesen, und es waren Mittelschichtsjournalisten (es gibt ja praktisch keine anderen), die nach den Pogromen der frühen Einheitsjahre eine Verschärfung des Asylrechts wider Abzocker und „Wirtschaftsflüchtlinge“ für unbedingt angezeigt hielten. Dieselben Mittelschichtsjournalisten, die das „braune Erbe“ der DDR beklagen – eines Staates, in dem kein Fremder je um seine Haut hat fürchten müssen –, lügen den deutschen Faschismus seit Jahrzehnten zur Angelegenheit irgendwelcher Nazimonster herunter, und es sind Mittelschichtsproduktionen – von der Mittelschicht, für die Mittelschicht –, die in Kostümfilmchen à la „Rommel“ einen Publikumsliebling (Tukur) als Feldmarschall verkleiden, damit nicht vergessen werde, dass das auch nur Menschen waren. Es sind Mittelschichtler, die für ein vom Zionismus befreites Palästina streiten, und es sind Ärzte, Anwälte, Lehrer und Professoren, die mit Genugtuung auf der alten Vermutung herumreiten, Juden seien Kinderschänder. Es sind Mittelschichtler, die ein Fernsehen machen, in dem die Abgehängten ohne Arbeit, Bildung und Selbstbewusstsein als Asoziale, Prolls und verschuldete Lachnummern chargieren, und es sind Mittelschichtler, für die Solidarität bloß ist, wenn sie „was bringt“ bzw. im importierenden Ausland als Ausweis deutscher Wohlgesinnung empfunden werden kann.

Wo Schlacke ist, ist Feuer. Es kommt häufiger vor, dass gerade die leidenschaftlichsten Feuerwehrleute die übelsten Brandstifter sind.

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