Objektiv Klasse

von Stefan Gärtner2.11.2012Innenpolitik, Medien

Die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bringt ein Politikeranruf so wenig in Gefahr wie eine Krähe die andere.

Einen größeren Gefallen, als beim ZDF anzurufen, um dort eine genehme Berichterstattung zu erwirken, hätte die CSU-Granate Strepp dem öffentlich-rechtlichen Komplex nicht tun können; denn seitdem kann der sich wieder als vierte Gewalt, politisch unabhängig, objektiv, neutral und “„der res publica verpflichtet“”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/5416-die-rolle-der-oeffentlich-rechtlichen in die Brust werfen. Is scho recht.

Man muss aber nicht auf die parteipolitisch durchwirkten Aufsichtsräte schauen, um das albern zu finden; es reicht zu fragen, wer die Politik macht, und wer das Fernsehen macht, und wo da der Unterschied ist.

Politik und Fernsehen (Medien insgesamt, aber bleiben wir beim Fall) sind sozial homogene Veranstaltungen. Wer heute ein politisches Amt versieht/auf einem Redaktionssessel sitzt, hat ein und denselben sozialen Hintergrund, und so wie bürgerliche Politik eine bourgeoise pro domo ist: für die Besitzenden, auf Kosten der Besitzlosen, wirbt Journalismus, wenn er denn nicht im autonomen Keller stattfindet, für eine Politik, die die Fleischtöpfe da stehen lässt, wo sie stehen. Selbst wenn der Journalist hier ein bisschen Korruption aufdeckt und die Journalistin da ein Versagen im Amt nachweist, können sie beide kein Interesse daran haben, ein politökonomisches System infrage zu stellen, das sie von Geburt an privilegiert hat. Dass der ZDF-Chef Frey wie ein Handelsvertreter aussieht, redet und denkt, liegt daran, dass er einer ist.

Enthüllungsreportage: Wer Hartz bezieht, ist faul

Ex-Kanzler Schröder hat es noch gewusst: Ein „Medium“ ist das Fernsehen, weil es die Agenda der Regierenden – eben der Regierenden, die nach Herkunft und Wuchs das Klasseninteresse derer, die das Fernsehen machen, vertreten – nach unten durchreicht, und zwar „objektiv“. Objektiviert werden die Affekte und Ressentiments des Journalisten, die die Affekte und Ressentiments seiner Klasse sind, bei der medialen Verarbeitung, und zwar doppelt: Einmal, indem sie nach den formalen und inhaltlichen, allgemein akzeptierten Standards prozessiert werden, die das Medium kurrent ausmachen (Wackelkamera, dräuende Streicher, Hitler war’s, schmerzhafte Reformen); ein weiteres Mal, indem das Medium selbst seine Mitteilungen als Teil des demokratischen Aufsichtsprozesses und also als a priori „gut“/„wahr“ verkauft. Unvergessen der Auftritt der Fernsehjournalistin Rita Knobel-Ulrich, die, auf der Spur der üblichen Abzocker, eine Woche auf dem Sozialamt verbrachte und vor laufender Kamera einen Türken in den Senkel stellte, ob er sich nicht schäme, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben – der objektive, das Ressentiment wie dessen Bestätigung voraussetzende Versuchsaufbau (Enthüllungsreportage: Wer Hartz bezieht, ist faul) hatte richtig Sprengkraft erst unter öffentlich-rechtlichen Laborbedingungen.

Am Dienstag zeigte das von Strepp beinah um seine Unabhängigkeit gebrachte ZDF das Feature „Kampf um den Euro“. Man erfährt, wie schlecht es Griechen, Spaniern und Italienern geht, hört von Geldverschwendung und Konstruktionsfehlern des Euro und dass die deutsche Austeritätspolitik – sparen, sparen, sparen – Generationen von Griechen, Spaniern und Italienern in die Armut stürzt. Bis hierhin ist es, zumal für öffentlich-rechtliche Staatsfunkverhältnisse, nachgerade Aufklärung; und ist es am Ende natürlich wieder nicht, weil die Frage nicht gestellt wird, die jeder Fernsehkommissar zuallererst stellt, nämlich nach den Profiteuren des deutschen Spardiktats: Ob es eventuell sein kann, dass die Deutsche Bank ihre griechischen, spanischen, italienischen Kredite nicht abschreiben will, ob es den deutschen Fiskus freut, dass er seine Staatsanleihen zum Nulltarif verkaufen kann, und ob Deutschland, das wie kein Zweiter vom Euro profitiert hat, vielleicht einfach keine Lust hat, für die Schäden seiner (mit dem Euro erst möglich gewordenen) hegemonialen Exportpolitik aufzukommen. Am Ende sehen wir, dräuende Musik, den Reichstag, es ist von „Erpressung Deutschlands“ und dem deutschen Steuerzahler die Rede; und nicht etwa davon, dass es eine direkte Linie von Deutschlands Boom zur südeuropäischen Katastrophe gibt.

Klasseninteresse schlägt Erkenntnisinteresse; wer’s andersrum braucht, der darf nicht fernsehen. Und ist mir jeden Freitag herzlich willkommen.

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