Angela antwortet nicht

von Stefan Gärtner26.10.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin ist kein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma. Es ist eins fürs deutsche Gewissen, das grundlos immer besser wird.

Die Sinti und Roma, in Deutschlands dunklen Jahren zu Hunderttausenden misshandelt, sterilisiert, massakriert, haben jetzt ein Denkmal in Berlin, ganz in der Nähe des Denkmals für die ermordeten Juden. Bei der Einweihung sagte die Bundeskanzlerin, dass jedes einzelne Schicksal eine „Geschichte unfassbaren Leids“ sei, das die Gesellschaft verpflichte, sich für die Menschenwürde jedes Einzelnen einzusetzen, „ganz egal, woher er kommt und wer er ist“. Die „Süddeutsche“ war dabei: „Es brandet warmer Applaus auf für die Kanzlerin, als ein junger Mann aufspringt und ruft: ,Was ist mit den Abgeschobenen, Frau Merkel? Das sind auch Roma, die wollen auch hierbleiben.‘ Angela Merkel antwortet nicht mehr. Die Festgäste machen sich auf den Weg zum Mahnmal, sie treten durch ein stählernes Tor, dann legen sie Rosen auf das schwarze Wasser. Irgendwo spielt jemand auf einer Geige.“

„Zigeuner“ unerwünscht

Bei der Einweihung des sogenannten Holocaust-Denkmals wusste man noch nichts von Sarrazin, noch nichts von der neuen deutschen Lust an der Unversehrtheit islamischer und jüdischer Kinder; es hätte allenfalls einer aufspringen können und fragen, ob in einem Land, in dem zwei Generationen nach Kriegsende jüdische Einrichtungen noch immer unter Polizeischutz (oder wenigstens strenger Videoüberwachung) stehen und ein Drittel der Leute Juden nicht als Nachbarn haben will, das Mahnmal nicht eher den Tätern fromme als den Opfern. Opfer, die sich durch die Tatsache, dass die Sprachregelung in puncto Verantwortung ungebrochen dieselbe ist, täglich aufs Neue verhöhnt fühlen dürfen: „Am Mittwoch wurde in Berlin ein Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma eingeweiht“, überschreibt die „SZ“ eben die Themenseite, auf der sie mit feinem liberalen Stirnrunzeln den oben referierten Zwischenfall beschreibt. „Vergewaltigen, foltern, morden“, erläutert in dem frisch erschienenen (und einen vorzüglichen Beitrag aus meiner Feder enthaltenden) „Schwarzbuch Rassismus“ Mitherausgeber Walter Gerlach, „den halben Globus in Flammen setzen: das waren nicht die Deutschen. Nein, das waren nicht die Deutschen. Das waren DIE NAZIS, Unterirdische, die 1919 und 1920 aus Bergwerkschächten in München und Berlin krochen.“

Zwei Drittel der Landsleute stehen Sinti und Roma, die sie noch immer Zigeuner nennen, ablehnend gegenüber, da können sie in Berlin fiedeln, wie sie wollen. Und wie die deutsche „Zivilgesellschaft“ über den Ausländer als solchen denkt, verraten die Kommentare unter einem ausnahmsweise rundherum lesenswerten Artikel auf „Spiegel online“, in dem ein Anonymus von der Schein- bzw. „Schutzehe“ berichtete, die er eingegangen war, um einen Menschen, den er nie zuvor gesehen hatte, vor der Abschiebung zu bewahren, aus ganz prinzipiellen Gründen: „Ich, der Deutsche, der qua Geburt das Recht bekam, sich überall frei zu bewegen und aufzuhalten, so lange er will, und Miro, der dort, wo es sich angenehm lebt, in Europa, nicht erwünscht ist. Diese Hierarchie steht für den globalen Rassismus. Und die Schutzehe ist eine Taktik, die rassistischen Regeln des Bleiberechts zu unterlaufen.“ Es ist noch keiner Rassist, der eine solche Ehe ablehnt; es ist aber ein Volksfeind, wer die Kanzlerin beim dahingeplapperten Wort nimmt und sich für jemanden einsetzt, ganz egal, woher er kommt und wer er ist: „Ich finde es bemerkenswert, wie Sie sich mit dem Impetus der Selbstgerechtigkeit über unsere Gesetze hinwegsetzen … Es sind genau Leute wie Sie, weswegen die Behörden bei binationalen Ehen so genau hinschauen müssen, sich jetzt auch noch darüber zu echauffieren, könnte zynischer nicht sein. Sie verstoßen gegen Gesetze, und ich hoffe, die Polizei wird Ihnen bald auf die Schliche kommen.“

Europa? Kein Hotel für den Rest der Welt

Unsere Gesetze, Recht und Ordnung, da könnte ja jeder kommen; Mutti, ruf die Polizei, der Jude hier ist illegal. Ein anderer Deutscher wird noch deutlicher (Rechtschreibung und Grammatik auch hier korrigiert): „Die Strafe für Scheinehen sollte auf lebenslänglich hochgesetzt werden. Europa ist kein Hotel für den Rest der Welt. Leute, unsere Vorfahren haben hart für unseren Wohlstand gekämpft, gearbeitet und sind dafür gestorben“, und hier, in der Kommentarspalte des sagenhaft liberalen Netz-„Spiegels“, spricht der deutsche Bürger unverhohlen aus, was noch so viele Rosen auf noch so vielen Gedenkfeiern vor der gesunden Volksmeinung wert sind: nichts. Denn dafür hat der Führer nicht gekämpft und dafür ist Opa vor Stalingrad nicht gestorben, dass sich jetzt die Bimbos bei uns ins gemachte Nest legen. Wähl auch du NSU.

Noch einmal das „Schwarzbuch“, in dem Gerlach den Schauspieler Will Quadflieg zitiert, der sich als einer der wenigen für seine „entsetzliche Mitläuferrolle“ im Dritten Reich aufrichtig geschämt hat: „Wenn ich jetzt schon wieder diese neonazistischen Ungeheuer sehe, nach allem, was wir angerichtet haben, in Auschwitz und anderswo … Ich weiß nicht, was in der Seele des deutschen Volkes so kaputt ist, dass es nicht mehr klar denken kann. Es ist politisch manchmal so unmündig, dass man, verzeihen Sie bitte, nur verzagen kann.“

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