i, Robot

von Stefan Gärtner28.09.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Derart fortgeschritten ist der Kapitalismus, dass er seine Irrationalität kein bisschen mehr bemänteln muss. Im Gegenteil.

Es dürfte den wenigsten Bewohnern westlich geprägter Zivilisation gelingen, sich als dem Marx’schen Warenfetisch gegenüber rundheraus unanfällig auszuweisen, und was dem einen sein hochglanzpoliertes Kraftfahrzeug, ist der anderen das Doppeldutzend Damenschuhe. Es liegt nun im Wesen des Kapitalismus, dass alles immer noch viel besser geht: Laut Tagespresse hat es nach der Präsentation des neuen Mobiltelefoniergeräts der Firma Apple 24 Stunden gedauert, bis zwei Millionen Vorbestellungen vorlagen; in den ersten 72 Stunden nach Verkaufsstart wurden fünf Millionen Geräte verkauft. „Weltweit warten noch viele Millionen darauf, ihr Handy gegen ein iPhone 5 zu tauschen.“ („SZ“)

Handy statt Jesus

Früher haben viele Millionen auf den Messias gewartet, auf gutes Wetter für den Weizen oder darauf, dass die Schwiegermutter wieder fährt; heute warten sie nicht bloß auf ein Telefon, so wie man als DDR-Bürger auf ein Telefon wartete, sondern darauf, ihr Telefon gegen ein anderes, neues zu tauschen. Einfach, weil das neue neu ist. Und sowieso viel besser. So wie es in der Ökonomie einen Grenznutzen gibt, gibt es aber auch hier einen. Zwischen den Quantensprüngen: vom Telefon zum tragbaren Telefon, vom tragbaren Telefon zum tragbaren Telefon mit Internetanschluss – passiert nicht viel, was über Schnickschnack und Marketing hinausginge. Man schaue nur einmal in eine Autozeitschrift, wo sich die Ingenieure die Wartezeit bis zum Ende des Ölzeitalters mit sogenannten Assistenzsystemen vertreiben, die bloß braucht, wer nicht gescheit Auto fahren kann.

Das neueste Gadget ist neu und da, das muss reichen

Das stimmt nicht, sagen die Fans und Freaks; das stimmt aber doch, sage nicht ich, sondern sagt die Werbung selbst, nicht die fürs iPhone, aber für den Cloud-Service der Telekom. Also: Die Schauspielerin Alexandra Maria Lara zeigt einem Jungen, was man mit der Cloud alles kann, nämlich hauptsächlich herumdaddeln und die Zeit totschlagen. Der Junge ist, obwohl in einem Alter, wo einem Technik durchaus nicht egal ist, vollkommen desinteressiert und macht gelangweilt eine Kaugummiblase. Der Schauspielerin Alexandra Maria Lara freut sich über das vollkommene Desinteresse des Jungen, weil es nämlich keine Rolle spielt: Das Produkt ist da, und die Frage „Wozu ist das gut?“ nichts weiter als kindisch, weil wir über das, was im Ernst vonnöten ist, ganz offiziell hinaus sind. Und das, so suggeriert der geradezu dekonstruktive Spot, ist ja eben das Schöne: Mag sein, das neue Omo wusch noch weißer als das alte – das neueste Gadget ist neu und da, das muss reichen. Man soll es brauchen, weil man es nicht braucht. Wie schön, wenn alles easy ist und die Menschheit dem Naturzustand so müßig daddelnd eine Nase drehen kann. Umso unverständlicher, dass jetzt Leute, die dieser schönen neuen Welt in chinesischen Fabriken zuarbeiten dürfen, so primitiv sind, sich nicht bloß über schlimme Arbeitsbedingungen und einen Lohn, der kaum zum Leben reiche, zu beschweren, sondern die Fabriken auch noch auseinandernehmen und sich mit dem Wachpersonal prügeln; und sich nicht darum scheren, dass Millionen freie Menschen voller Sehnsucht auf das neue iPhone warten, das, wie Wissenschaftler gemessen haben wollen, dieselben Gefühle auszulösen imstande ist wie ein geliebter Mensch. Weswegen die Sklaven, die es zusammenlöten, es auch sofort kaufen würden; allein der Sklavenlohn steht dem entgegen. Man kann sagen, der Kapitalismus hat den Laden wirklich gut im Griff; da können wir „Verblendungszusammenhang“ schreien, wie wir wollen. Und solange der freien Presse der Aufruhr bei Foxconn eine halbe Seite, die neueste Runde im Smartphone-Wettbewerb aber deren fünf wert ist, müssen wir vorm Fortschritt keine Angst haben.

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