Diese Menschen mag ich nicht

von Stefan Gärtner21.09.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Hölle, das sind die anderen: Was immer die Idee von der multikulturellen Gesellschaft gewesen ist, zu ihrem Scheitern braucht es zwei.

Laut Fremdwörterduden ist ein Demagoge „jemand, der andere politisch aufhetzt“, ein „Volksverführer“. Dass Heinz Buschkowsky, der halblegendäre Bürgermeister von Berlin-Neukölln, der schon 2004 „Multikulti“ für „gescheitert“ hielt, seitdem das Ehrenamt des obersten deutschen Integrationskritikers innehat (Sarrazin, den Rassisten, zählen wir nicht) und heute sein Buch „Neukölln ist überall“ veröffentlicht, einer sein will, glaube ich gar nicht. Mir scheint er einer dieser wackeren Sozialdemokraten alter Schule zu sein, deren Stolz die konkrete Arbeit an der Basis ist und die für die Verlautbarungen des Überbaus eher wenig übrig haben; wenn nicht gar die Verachtung des Praktikers, der es besser weiß.

Kein Zufall, dass der Vorabdruck in „Bild“ stattfand

Denn Buschkowsky hat, dem Vorabdruck der „Bild“-Zeitung zufolge, mit einer Basis zu tun, die das, was der Überbau unter „multikulturelle Gesellschaft“ und „Integration“ verhandelt, erst gar nicht erreicht: mit Kindern, die nicht zur Schule gehen (und wenn, dann ohne Deutsch zu können), jugendlichen „Streetfightern“, die halbe Stadtviertel einschüchtern, und lethargischen Elternhäusern, in denen das Geld seit Generationen „vom Amt“ kommt: „Hieraus folgt, dass die Kinder in diesen Familien ohne den Einfluss der natürlichsten und entscheidendsten Triebfedern unseres menschlichen Seins sozialisiert werden: einen Lebensentwurf fertigen, ein Ziel haben, Leistung erbringen, Pläne verwirklichen, über Erreichtes Genugtuung empfinden, Misserfolge und Rückschläge verkraften. Die Kinder erleben nie, dass Vater und Mutter regelmäßig früh aufstehen und dann abends strahlend nach Hause kommen, weil sie Erfolg hatten, oder betrübt sind, weil es einen Misserfolg bei der Arbeit gab. Die Wechselfälle des Lebens gehen nicht in die Erlebniswelt dieser Kinder ein und bereiten sie nicht auf eigene Lebenserfahrungen vor.“ So weit stimmt das; aber es stimmt auch, wenn wir uns statt des deutsch radebrechenden Einwandererkindes das bildungsferne deutsche Kind vorstellen, statt des testosteronsatten Jungtürken auf Konfrontationskurs den testosteronsatten deutschen Schulabbrecher, der auf einen scheelen Blick gerade noch gewartet hat. Bei Buschkowsky aber ist, zumindest lässt der Vorabdruck den Eindruck entstehen, immer zuerst der Ausländer gemeint; und hier fängt die Demagogie an (und es ist natürlich überhaupt kein Zufall, dass der Vorabdruck in „Bild“ stattfand), wenn ein materiell-politisches Problem zu einem ethnisch-kulturellen umgebogen wird: „Dieses ständige demonstrative Nichtbeachten von Umgangsformen wie Höflichkeit oder Rücksichtnahme, der einfachsten Regeln, wie man sich in der Öffentlichkeit gegenüber anderen benimmt.“

Buschkowsky ist kein Rassist

„Das ist es, was die Leute fragen lässt: Wo bin ich denn hier eigentlich? Ist das noch meine Stadt, meine Heimat?“ Buschkowsky ist kein Rassist, lädt aber ein durchaus allgemeines, in jedem Ruheabteil der Bahn (und, pardon, bisweilen auch in der hiesigen Kommentarspalte) zu besichtigendes Verwahrlosungsproblem ethnisch auf und macht es zu einer Grundsatzfrage von Freund und Feind: „ _Wir_ erziehen unsere Kinder zur Gewaltlosigkeit. _Wir_ ächten Gewalt in der Begegnung und bringen das unserem Nachwuchs bei. _Andere_ bringen ihren Jungs bei, stark, tapfer und kampfesmutig zu sein.“ (Hervorhebung von mir, S.G.) Was immer richtig ist an Buschkowskys Klagen über Parallelwelten, Gewalt und Halbstarkengesinnung: Hier, in diesem pauschalen, die Ressentiments der Mehrheit bedienenden „Wir gegen die“, wird sein Bericht demagogisch, auch wenn er im Vorwort (das „Bild“ scheinheilig dem Vorabdruck vorangestellt hat) darauf besteht, „niemals alle Einwanderer, alle Muslime, alle Hartz-IV-Empfänger und alle Jugendlichen (zu) meinen“. Na, wenn das so ist: „Das Feindbild sind die verhassten Deutschen, sie sind das Ziel ihrer Aggressionen … Deutsche gelten als leichte Opfer … Was wahr ist und was nicht, hat bei einem ,Ungläubigen‘ keine Bedeutung.“ Etc. „Deswegen kommen viele irgendwann zu dem Schluss: Ich mag diese Menschen nicht. Sie wollen mit mir nicht leben, dann will ich es mit ihnen auch nicht.“ Der Satz lässt sich freilich in zwei Richtungen lesen; es sei denn, man will partout nicht wissen, wer denn von Anfang an nicht mit Kanaken und Spaghettifressern leben wollte. Die Botschaft ist jedenfalls angekommen, denn in der „Bild“-Leserbriefabteilung war die Meinung praktisch einhellig: „Ich glaube, Herr Buschkowsky spricht den meisten Bürgern aus der Seele“, schrieb ein Herr Kremer aus Fürth, einer Stadt, die bekanntlich fest in der Hand von türkischen Straßengangs ist. „Heinz Buschkowsky, Sie müssten Kanzler werden. Dann würde wieder etwas Ordnung ins Land kommen. Meine Stimme ist sicher!!!“, jubelte ein Leser des Online-Angebots; und es mag meinerseits demagogisch sein, darauf hinzuweisen, was es in Deutschland in der Regel bedeutet, wenn in Fremdenfragen Ordnung geschaffen wird.

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