Schlussstrich, bitte!

von Stefan Gärtner14.09.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Die Angst der Deutschen, ewig in die Ecke des Antisemitismus gedrängt zu werden, ist unberechtigt. Zu Unrecht stünden sie dort jedoch nicht.

Das Schöne am Urlaub ist, dass, wer will, vom deutschen Medialgebrüll verschont bleibt, jedenfalls weitgehend; denn kaum schlendert man in Genua ein bisschen durch die ligurische Spätsommersonne, stößt man an der Piazza de Ferrari auf einen Kiosk, der deutsche Presse feilhält, und so schnell kann man sich gar nicht wegducken, wie einen das anspringt, was die „Zeit“ gegen das sich nur langsam schließende Sommerloch aufbietet: „Wann vergeht Vergangenheit?“ lautete die Zeile, neben der grimmig ein ewiger Hitler in die Welt sah und einen Artikel im Blatt bewarb, in dem es, ausweislich des Teasers, wohl darum ging, dass Deutschland immer noch so schlimm in seiner Vergangenheit steckt und sich aber „gerade die Jungen“ zusehends dagegen wehren, ewig in diese Ecke gestellt zu werden. Usw.

Die arme Jugend

Ich bitte um Nachsicht: Ich habe den Dreck nicht gekauft. Erstens hatte ich Urlaub, und zweitens weiß ich, welche Mechanik hinter solchen großäugig vorgetragenen Fragen steckt, die zu nichts anderem dienen, als den Diskurs von den Füßen wieder auf den Kopf zu stellen; und die Vergangenheit nämlich langsam mal vergehen zu lassen. Die Lüge geht so: Deutschland ist von Schuld umstellt, und man kann im Ausland nicht einen Schritt tun, ohne sich für die braunen Jahre rechtfertigen und entschuldigen zu müssen. Die junge Generation kann aber gar nichts dafür und hat also alles Recht, mit Auschwitz und der zugehörigen „Moralkeule“ (M. Walser) in Frieden gelassen zu werden. Und was ist das Deutschland der nächsten Jahrzehnte, wenn nicht das der jungen Generation? Also hat Deutschland das Recht, mit Auschwitz nichts mehr zu tun haben zu müssen. Ich bin weiß Gott kein Globetrotter, aber durchaus ein bisschen in der Welt herumgekommen; ich war in Israel, in Auschwitz und im von den Polen mit größter Hingabe rekonstruierten, von den Deutschen bekanntlich mutwillig gesprengten Warschau. Meine Gastgeberin in Tel Aviv war eine alte Emigrantin, die ihre Lagernummer auf dem Unterarm trug; in Riga kannte der lokale Rabbi, der uns die Synagoge zeigte, nur ein deutsches Wort: judenfrei, was umso beklemmender war, als der Rabbi gar nicht daran dachte, meinem Bruder und mir einen Vorwurf zu machen, sowenig mich die alte Emigrantin mit auch nur einer Silbe in ein Gespräch über mein Deutschsein zog, sowenig unsere jüdische New Yorker Freundin Sammy auch nur den allerleisesten Drang verspürt, uns in die Ecke zu stellen, von der u.a. die „Zeit“ glaubt, als Deutscher, selbst als junger, komme man niemals mehr aus ihr heraus.

Nicht zu Unrecht in der Ecke

Das ist, sofern es sich bei meinen Erfahrungen nicht um einen sagenhaften Sonderfall handelt, schlicht nicht wahr; und wenn es doch wahr wäre, dann vielleicht eher deshalb, weil einem koscheren Lokal in Chemnitz regelmäßig die Scheiben eingeworfen werden, weil, nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, deutsche Juden es vermeiden, sich mit Kippa in bestimmten Berliner Stadtbezirken blicken zu lassen

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