Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

Es mangelt am Mangel

Dass es von allem immer zu viel gibt, ist nicht nur gelebte Unmoral und ruiniert den Planeten, sondern versaut einem auch genau den Einkaufsspaß, für den der Kapitalismus doch angeblich da ist.

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Revolutionäre Reden schreiben sich schlecht von Hand, und kaum geht ein Laptop kaputt (weil kapitalistische Konsumzyklen eine Lebensdauer von Informationselektronik von nicht einmal vier Jahren angemessen zu finden scheinen), steht man da und merkt wieder mal, dass es im falschen Leben kein richtiges Kaufen gibt.

Denn klar will man gebraucht kaufen, weil Ressourcen knapp sind und unter Bedingungen aus dem Boden gegraben werden, die man hierzulande allenfalls Ein-Euro-Jobbern zumuten würde; andererseits sind Computer als Neuware so billig, dass es einem protestantisch ausgebildeten Mitteleuropäer schon schwerfällt, für 100 Euro Ersparnis auf ein Neugerät zu verzichten, Geld, das man im Zweifel der Steuer schenkt, das Ding wird schließlich abgeschrieben, und allein für die Tatsache, dass man den Nachmittag an so ein Luxusdilemma verschenkt, müsste man sich eigentlich ohrfeigen.

Wie nötig ist WXGA, und was ist das überhaupt?

Die Basisentscheidung zwischen neu und gebraucht ist noch gar nicht getroffen, da kumulieren (weil im Internet halt alles endlos kumuliert) schon die Fragen, zu deren Beantwortung man als Nicht-Nerd weder Lust noch Zeit hat (und wenn das Feuilleton bei meinem Tod beklagen wird, dass es nie den großen Deutschlandroman aus meiner Tastatur hat lesen dürfen, dann u. a. deswegen!): Wie nötig ist WXGA, und was ist das überhaupt? Hat die sprichwörtliche Robustheit eines Business-Notebooks wirklich so viel für sich, dass ich dafür auf Multimedia-Performance verzichten will? Und muss ich einen Duo-Core-Prozessor haben, bloß um bei Computerkumpel und -fachmann A. nicht auf die Liste “Hoffnungslose Fälle” zu geraten?

Eine Mangelwirtschaft hat auch ihr Gutes. Da gäb’s jetzt genau einen Robotron-Laptop, der wäre so groß wie ein Kindersarg, man müsste fünf Jahre drauf warten und könnte in der Zwischenzeit den großen Deutschlandroman mit der Schreibmaschine schreiben. Und wenn ich mich mit meiner Frau beim Einkaufen im Riesensparmarkt auf der Suche nach den Cornichons oder einer Spülbürste mal wieder verlaufen habe, dann wissen wir eh: Hier stimmt was nicht.

“Brauchen wir wirklich 95 verschiedene Joghurts?”

Zufall oder nicht, aber diese Woche hat es im Ersten Deutschen Fernsehen einen sog. Lebensmittelschwerpunkt gehabt, und am Mittwoch lief zu einer Zeit, wo der Souverän größtenteils schläft (23:30 Uhr, wahrscheinlich schämt sich bei der ARD nicht mal mehr jemand dafür), ein Bericht über die systematische Verschwendung von Nahrungsmitteln: 50 Prozent all dessen, was produziert wird, landet, weil die Regale halt immer voll sein müssen, unberührt auf dem Müll, ganz abgesehen von der Konkurrenznot, die immer mehr überflüssige Produkte auf den Markt drückt. “Brauchen wir wirklich 95 verschiedene Joghurts?”, frug da nicht nur die Süddeutsche Zeitung – brauchen wir natürlich nicht, Rasierapparate mit fünf oder zwölf Klingen brauchen wir ja auch nicht, aber ohne diese Angebotsvielfalt könnte man ja nicht kostbare Lebenszeit vor z. B. dem Fischregal verbringen, um die Verlässlichkeit von Ökosiegeln zu überdenken und die Umweltbilanz von Forellen aus biologischer Aquakultur mit der von Wildmakrele zu vergleichen, denn seit die Ökologie hinzugetreten ist, ist das alltägliche Einholen so kompliziert wie die Computerneuanschaffung: Bio im Prinzip ja, im Supermarkt aber eigentlich nein, weil der damit bloß sein Ausbeuterangebot querfinanziert, und sollte man sich nicht eh mit denen solidarisieren, die sich das alles nicht leisten können, und einfach bei Aldi die Trash-Fleischwurst kaufen?

Was ich sagen will: Überfluss ist nicht nur global, sondern auch auf der ganz persönlichen Ebene eine Zumutung, und verflucht seien die Zeiten, in denen “mündiger Verbraucher” zu sein eine dilemmatische, weil so oder so verkehrte Vollzeitbeschäftigung ist; und überdies eine sozialdistinktive Veranstaltung des Juste Milieu, denn die Depravierten nehmen, was sie kriegen. Ich geh jetzt in den nächstbesten Computerladen und lass mich übers Ohr hauen, dann ist wenigstens der eingebaute Schwachsinn des Systems schuld und nicht meine Unlust, mich mit einem geistlosen Überangebot herumzuschlagen, das uns hoffentlich bald unter sich begräbt.

Damit “eine Ruh ist” (Polt).

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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