Er ist das Volk

von Stefan Gärtner13.04.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Und das Volk, damals wie heute, weiß: Schuld am Antisemitismus sind immer die Juden.

Hellsehen kann ich nicht; aber das war zu erwarten. Kaum war Grass in puncto „Israel, Feind des Weltfriedens“, wie Journalisten sagen, zurückgerudert: Er habe ja nicht das Land, sondern bloß die Regierung Netanjahu gemeint, tat Israel ihm den größten denkbaren Gefallen und erklärte ihn, den immerhin besten Freund Israels (Eigenwahrnehmung), zur unerwünschten Person. Daraufhin freute sich die deutsche Presse, allgemeines „Befremden“ über die israelische Maßnahme verkünden zu dürfen, wie sowieso die deutsche Leserbriefschreibergemeinde sich in ihrem naturgegebenen Recht auf Israelkritik nicht beschneiden lassen wollte. (Frage am Rande: Was ist das nur immer mit der deutschen Lust an der Israelkritik?)

„Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich“

Ukrainekritik, Argentinienkritik, Norwegenkritik interessiert kein Schwein, aber ohne Israelkritik scheint’s nicht zu gehen.) „Wo“, frug ein User der hochliberalen „Zeit“, Grammatik und Zeichensetzung entsprechend liberal handhabend, „ist der Bericht über die Leute, die Grass zugestimmt haben? Wo der Bericht über Irans Vergangenheit und (nicht)Angriffe? Wo der über Israels Terror anderen Personengruppen/Staaten in dieser Region? Die armen Israelis, die niemandem etwas zuleide tun könnten, vor allem nicht was ihnen selbst widerfahren ist … Zudem hat Iran Israel nicht mit Auslöschung gedroht.“ Das ist, die plumpe Zwecklüge inklusive, die deutsche Durchschnittshaltung in nuce, und zu schade, dass die „Zeit“ die schönsten Einlassungen zum Thema gelöscht hat (_„Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. / Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die lediglich der Provokation dienen und beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Danke_). Aber auch die Videoumfrage vor dem Brandenburger Tor brachte Klarheit: „Man darf et nich sagen, wie et wirklich is“, sprach ein deutscher Mann, ein anderer fand, „dass das, was er [Grass] gesagt hat, zum großen Teil berechtigt ist … Das is immer die Keule, die Israel sofort bringt, Antisemitismus.“ Auf das Volk und die Gesundheit seines Empfindens kann sich Grass also verlassen, und er wäre nicht der begabte Öffentlichkeitsarbeiter, der er ist, wenn er die Gunst des Moments, abermals in der „Süddeutschen“, nicht zu nutzen gewusst hätte. Drei Länder hätten ihn in seinem Leben mit einem Einreiseverbot belegt: Birma, „die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR genannt“ und jetzt eben Israel. „Die DDR gibt es nicht mehr. Aber als Atommacht von unkontrolliertem Ausmaß begreift sich die israelische Regierung als eigenmächtig und ist bislang keiner Ermahnung zugänglich.“ Im Fußball nennt man’s nachkarten, und ein Volksschriftsteller muss zwar nicht schreiben können – „die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR genannt“, eine Regierung, die sich als Atommacht begreift –, aber wissen, auf welche Ressentiments und Signalwörter Verlass ist. Denn dass Israels Nazimethoden längst etwas Auschwitzähnliches haben, will man so deutlich noch nicht sagen; aber Israel als Nahost-DDR inkl. Grenzbefestigung, doch, das geht. Und wie schnell ein illegitimer Staat, der sich Ermahnungen unzugänglich zeigt, selbstverschuldet von der Landkarte verschwinden kann, hat die deutsche Geschichte ja mehrfach bewiesen. „Damals wie heute“ (Grass): Es ist schlicht widerlich.

Es gibt mindestens zwei Gründe, Israel die Daumen zu halten

„Günter Grass hat … eine wichtige Debatte über Israel angestoßen. Die internationale Gemeinschaft ist reif dafür, die Frage nach der Legitimation von Israels Staatsräson in der Vergangenheit und der Gegenwart zu diskutieren.“ Noch ist es bloß die Legitimität israelischer Staatsräson, die der exil-iranische Politikprofessor Mohssen Massarrat in der „Financial Times Deutschland“ diskutiert sehen will; aber auch die längste Reise beginnt mit einem kleinen Schritt. Es ist bemerkt worden, dass es Grass weniger um Israel als um seine ganz persönliche Vergangenheit gehe; es ist nicht bemerkt worden, wie wenig sich das trennen lässt. Die Deutschen, hat mal einer gesagt, werden den Juden den Holocaust nie verzeihen, und die Deutschen werden mit ihrer jüngeren Geschichte erst dann richtig im Reinen sein, wenn auch der zweite Naziunrechtsstaat der Geschichte Geschichte ist. Es gibt also mindestens zwei Gründe, Israel die Daumen zu halten.

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