Die Mensch-Maschine

von Stefan Gärtner17.08.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Der Wahnsinn hat Methode: Weil Menschen endlich zu Maschinen werden sollten, musste Bologna her. Jetzt stehen sie vor den Hochschulen und wundern sich.

Die Welt, sie ist ein Irrenhaus / wer mitmacht, macht sich halt nichts draus. Bzw., weil ja Sommer ist, ein Sommerrätsel: Was ist “im Folgenden”:http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/bachelor-und-master-hochschulrektoren-ruegen-studienreform-11856465.html („FAZ“) alles gaga? Ein Tipp: Es ist ‘ne Menge: bq. Rüge für die Studienreform: Die Hochschulrektorenkonferenz fordert deutliche Verbesserungen der Bachelor- und Master-Studiengänge, die vor zehn Jahren mit dem Ziel eines einheitlichen europäischen Hochschulraums geschaffen wurden. Wichtige Ziele seien bisher verfehlt worden. Unter anderem müsse der „Verschulung“ Einhalt geboten werden, forderte HRK-Präsident Horst Hippler. Die Bundesregierung verteidigte die Studienreform. Die Grünen forderten vom Bund mehr Geld für die Hochschulen. bq. Hippler, der seit Mai an der Spitze der Hochschulrektorenkonferenz steht, bezeichnete den Bachelor in der „Süddeutschen Zeitung“ als ,einen ersten Abschluss mit einer Berufsbefähigung’, der aber keine Berufsqualifikation sei. Eine Uni¬versität müsse aber mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. „Das tut sie mit dem Bachelor nicht“, sagte Hippler. Er rügte zudem den Ansatz, Studenten immer schneller zum Abschluss zu führen: „Die Unternehmen brauchen Persönlichkeiten, nicht nur Absolventen.“

Deutliche Beschleunigung des Studiums als Hauptziel

Fangen wir vorne an: 1. war ein wichtiges, wenn nicht sogar das Hauptziel des “sogenannten Bologna-Prozesses”:http://www.theeuropean.de/gesine-schwan/5407-bildung-und-innovation eine deutliche Beschleunigung des Studiums. Jeder Ami mit College-Abschluss sitzt mit 23 schon im Büro, während unsere 27-Jährigen sich noch in der Mensa um den Nachschlag stritten, das ging natürlich nicht, jedenfalls nach Ansicht der Bertelsmann-Stifung und ihres „Centrums für Hochschulentwicklung“, wirtschaftsnah naturgemäß beide. 2. lässt sich eine Beschleunigung ohne Verschulung kaum erreichen, auch ein gutes US-College ist allenfalls ein Zwischending aus deutscher Oberstufe und (altem) deutschen Grundstudium (vgl. hierzu das deutsche Wort „Kolleg“, wie in Erwachsenenkolleg, Kollegstufe). 3. war diese Beschleunigung eine allein den Interessen der Wirtschaft geschuldete, einer Wirtschaft, die ihre 45-Jährigen lieber durch 22-Jährige als durch 28-Jährige ersetzen wollte, weswegen man sich wundern darf, warum sich diese Wirtschaft jetzt wundert, wenn sie es mit Kindern zu tun hat, die zwar einen Universitätsabschluss, aber außer ihrem Schreibtisch von der Welt noch nichts gesehen haben. 4. kann sich einem schon alles umdrehen, wenn der Präsident der deutschen Hochschulrektoren „Bildung“ allein als Desiderat von Personalabteilungen zu denken vermag („Die Unternehmen brauchen Persönlichkeiten“), wo einem Universitätsoberen das, was Unternehmen brauchen, solange schnurzegal sein sollte, wie nicht das, was ein junger Kopf zur allseitigen Entfaltung seiner Anlagen braucht, nicht bereitgestellt ist. 5. ist es schon wieder entzückend, wie die dummen Grünen, deren Klientel doch nicht zum geringsten Teil aus Waldorf- und sonstigen Freipädagogik-Fans besteht, gerade hier keine Klientelpolitik machen wollen, sondern lieber, weil’s am einfachsten ist, „mehr Geld“ fordern, Geld, das vorbehaltlich einer systemischen Änderung ja doch bloß ins neue deutsche Elitenwesen fließt. Und 6. ist es immer noch ein Jahrhunderträtsel, wie die deutsche Universität sich erst so gut wie widerstandslos von irgendwelchen Optimierern hat entkernen und entseelen lassen, um nach zehn (!) Jahren beleidigt auf den Trichter zu kommen, eine Universität müsse aber, bitte schön, ein bisschen mehr leisten, als bloß Humankapital gebrauchsfertig zu machen, hallo-hoh!

Wahnsinn mit Methode

Ist es auch Wahnsinn, so hat es aber doch Methode: bq. Der wahre Zweck des Menschen, nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welche die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt, ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung […] Je mehr also der Staat mitwirkt, desto ähnlicher ist nicht bloß alles Wirkende, sondern auch alles Gewirkte […] Wer aber für andere so räsoniert, den hat man, und nicht mit Unrecht, in Verdacht, daß er die Menschheit mißkennt und aus Menschen Maschinen machen will (Wilhelm v. Humboldt). Und das wollen sie halt. Das wollen sie alle.

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