Motiv weiter unklar

Stefan Gärtner13.07.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

In Karlsruhe haben sie fünf Menschen begraben, die aus einem Anlass gestorben sind, aber ohne jeden Grund.

Karlsruhe ist ja häufiger mal im Fernsehen, wegen des Bundesverfassungsgerichts oder der Ermordung des Bundesanwalts Buback durch die RAF 1977. Jetzt war es aber im Fernsehen, weil ein Mann eher bereit war, sich und vier andere Menschen zu erschießen, als sich aus seiner Wohnung werfen zu lassen. In Karlsruhe war seitdem halbmast geflaggt, und bei der Trauerfeier sprach der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann von einem „sinnlosen“ Verbrechen, angesichts dessen es schwer sei, die passenden Worte zu finden. Die DPA-Meldung dazu schloss mit dem Satz, das Motiv des Täters sei weiter unklar.

Als wäre es kein Grund, die Fassung zu verlieren

Was da in der Karlsruher Nordstadt passiert ist, ist schlimm, und trotzdem (nein: grad deswegen) berührt es unangenehm, wie ein Verbrechen, dessen soziale Dimension doch auf der Hand und vor aller Augen liegt, zu einer Sinnlosigkeit stilisiert wird, für die es weder Worte noch Gründe gibt; als wäre es kein Grund, die Fassung zu verlieren, wenn man mit Mitte fünfzig aus der Wohnung geworfen wird, weil man weniger Geld hat als ein anderer, dem die Wohnung jetzt gehört und der mit Gerichtsvollzieher und Schlosser die Zwangsräumung unternimmt. Nicht jeder, gottlob, wird darüber zum Geiselnehmer und Totschläger, zum vierfachen gar; aber die Verzweiflung, mit der hier einer, ob nun ganz kopfgesund oder nicht, ohne Rücksicht auf Verluste seinen Status als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft verteidigt hat – als eines nämlich, das über Sachwerte und Besitztümer verfügt, wenigstens über die essenziellen –, nicht einmal zu sehen, macht die herrschende Ordnung zu einer von geradezu naturrechtlicher Qualität: Da schimpft einer aufs Gewitter, und der Blitz erschlägt ihn – sinnlos.

In der Konsequenz ein sinnloser Tod

Das denkbar klare Motiv ist also offiziell weiter unklar, und dies nicht einmal absichtsvoll, weil der gesellschaftliche Zustand, der streng zwischen Haben und Nichthaben, Potenten und Nichtpotenten, Gewinnern und Verlierern trennt, als derart normal begriffen wird, dass er nicht bloß als Legitimation für Übergriffe auf diejenigen, die _bona fide_ als Vertreter der schlechten Verhältnisse auftreten, ausscheidet, “sondern sogar als Grund(Link)”:http://theeuropean.de/stefan-gaertner/7665-die-reichen-pluendern-insgeheim-die-armen-offiziell. Wo Wohnung kein Recht, sondern eine den Regeln des Marktes unterworfene Handelsware ist, muss selbst wohlmeinende bürgerliche Moral da enden, wo jemand behalten will, was er nicht bezahlen kann, und den Staat herausfordert, dessen Gewaltmonopol nicht zuletzt (Marxisten würden sagen: einzig) der Verteidigung der Besitzverhältnisse dient. Das Gewaltmonopol respektieren heißt, die Eigentumsordnung respektieren, der es verpflichtet ist, es nicht zu tun in der Konsequenz den Tod; ein Tod, der tatsächlich sinnlos ist, aber auf ganz andere Art, als es sich der Schwätzer Kretschmann auch nur vorzustellen vermag.

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