Ich kann sehr glücklich sein und trotzdem eine Szene voller Elend drehen. David Lynch

Die Wahrheit liegt auf dem Feld

Wenn gentechnisch veränderte Pflanzen den Welthunger stillen, bin ich dafür. Sie dürfen halt nicht Monsanto gehören.

Eigentlich sollte es heute um grüne Gentechnik gehen, und eigentlich wollte ich fragen, ob es wirklich so schlimm und schimpflich ist, Nutzpflanzen gentechnisch zu optimieren, damit sie mit wenig Wasser auskommen oder resistent gegen Schädlinge werden, und ob es nicht erst einmal ein Fortschritt ist, wenn Arbeiter in der Baumwollindustrie aufgrund solcher Pflanzen sich nicht mehr von früh bis spät im Insektizidnebel wälzen müssen, und ob die gerade deutsche Freude an Siegeln wie „Garantiert ohne Gentechnik“ nicht eher die grünbürgerliche Sehnsucht nach einer Welt bedient, die gar nicht heil werden kann, solange dem Studienrat das fair gekämmte Hemd aus Bio-Baumwolle näher ist als der Rock, den größere Teile der Weltbevölkerung nach wie vor aus der Kleiderspende beziehen.

Wahrhaftig nicht das größte Problem

Meine Anschlussfrage wäre gewesen, ob nicht der falsche Gegner bekämpft wird, wenn es pauschal gegen grüne Gentechnik geht, wo es doch gegen Monsanto, Syngenta und ein Geschäftsmodell gehen müsste, das afrikanische Kleinbauern wie amerikanische Farmer mit sterilen Einmalpflanzen in quasifeudaler Abhängigkeit hält, woran sich die Frage anschließen sollte, was es über die Verfasstheit einer Welt sagt, in der Konzerne Patente auf Nahrungspflanzen halten dürfen.

Weitere, sich daraus ergebende Fragen wären gewesen, ob man, bevor man gegen die sich „weiter, immer weiter“ (Oliver Kahn) entwickelnden Produktivkräfte ficht, nicht, wie eigentlich immer, die Produktionsverhältnisse zum Thema machen müsste, so wie ja auch gegen die Erfindung des Milchpulvers nichts zu sagen ist, solange es ein Weltkonzern wie Nestlé nicht afrikanischen Müttern unterjubelt, woraufhin in den 1970er-Jahren Tausende afrikanische Säuglinge starben, weil es in Afrika mit der Sauberkeit des Wassers nicht immer zum Besten stand (und steht); ob nicht der entschlossene Kampf gegen „Eingriffe in die Natur“ übersieht, dass es auf der ganzen weiten Welt keine einzige Milchkuh gibt, die vom lieben Gott so vorgesehen war, und in jedem Schrebergarten genetisch veränderte, nämlich durch Zuchtwahl optimierte Tomaten wachsen; und ob sich, so gefragt, nicht der Kreis schon wieder schließt, wenn die Gentechnikfeindschaft des Bio-Studienrats hauptsächlich dazu dient, dass Lebensmittelkonzerne mit Siegeln wie „Garantiert ohne Gentechnik“ ein neues Distinktionsangebot machen können, und zwar dieselben, die für alle, denen zum richtigen Leben im falschen das Kleingeld fehlt, genügend lebensmittelindustriellen Schrott im Angebot haben, in dem der gentechnisch veränderte Anteil wahrhaftig nicht das größte Problem ist.

Zumindest Fußball bleibt wunderbar

Das wären so Fragen gewesen. Aber das ist ein weites Feld, und ob man nicht ganz ohne Gentech hinkäme, wenn nicht, wiederum infolge der Produktionsverhältnisse, die Hälfte aller Lebensmittel weggeschmissen würde, weiß ich auch nicht; und mache also lieber Meldung davon, für wie erstaunlich ich es halte, dass der Fußball trotz aller zeitgenössischen Stupiditäten zwischen Uefa-Faschismus, Public Viewing, Béla Réthy und einer auch sonst taumelnden Medialöffentlichkeit („Scholz lobt Gomez: Bin stolz auf Mario!“) ein so wunderbarer Sport ist und bleibt, vor allem, wenn Super-Mario bzw. „Mario Goalmez“ („The Sun“) die Holländer aus dem Stadion ballert. Auch wenn die Frage bleibt, warum man neuerdings ohne Ganzkörper-Tattoo scheint’s nicht mehr auflaufen darf.

Aber die können wir auch ein andermal klären.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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