Ich halte die Polen-Fokussierung für einen Fehler. Erika Steinbach

Lenin Lafontaine

Braucht dieses Land eine Linkspartei? Diese eher nicht.

„Die Linkspartei, die Linkspartei, die geht mir rechts am Arsch vorbei“, reimte mal der Kollege Henschel, und tatsächlich konnte und kann man zu ihr, wenn man von links kommt, zwei Haltungen haben: eine prinzipienfeste und eine pragmatische. Die prinzipienfeste sagt: Hey, es gibt keinen richtigen Einkauf im falschen Laden, und die Linkspartei wird (oder will) an der freiheitlich-demokratischen Grundordnung auch da nicht viel ändern, wo diese Konzernherrschaft und Klassenstaat bemäntelt; und latente Antisemiten sind sie auch.

Fundis, Realos und iPhones

Die pragmatische sagt: Na ja, besser zehn Leute, die im Bundestag gegen die je neuesten Sozialschweinereien stimmen, als niemand, auch wenn sie’s mit Israel nicht so haben und der Weltsozialismus mit der Linkspartei auch nicht früher kommt. Die prinzipienfeste wendet ein: Verstehe, die Linkspartei erleichtert dir und all den anderen Salonlinken, die all die Jahre mit schlechtem Gewissen nicht zur Wahl gegangen sind, wieder Staatsbürger zu sein! Und die pragmatische windet sich und denkt: Kann sein.

Die Frage, wie pragmatisch (und also bereit, im Rahmen des Systems mitzuarbeiten) man sein will, ist gleichzeitig eine, die jede Partei trennt, die sich irgendwie als Systemfeindin begreift. In der Linkspartei fungieren die Westler als Fundis, die den Arbeiterverrätern von der Sozialdemokratie keinen Finger reichen wollen, und die Ostler, die im Realsozialismus gelernt haben, dass Theorie die Nachfrage nach iPhones nicht bedient, als Realos, die, wie man das nennt, „gestalten“ wollen, auch gemeinsam mit einer Bundes-SPD, die in der Linken nicht mehr ihr besseres Selbst fürchtet.

Revolutionäre gegen Revisionisten

Das, was die Parteitagskorrespondenten von der Bürgerpresse schadenfroh unter „Chaos“ und „hässlich“ rubriziert haben, wäre also, cum grano salis, nichts anderes als die alte Spaltung der Arbeiterbewegung in Revolutionäre und Revisionisten, in die, die was Neues, Besseres wollen (weg mit der Deutschen Bank), und die anderen, die „Schritt für Schritt für Schritt für Schritt“ (Degenhardt, allerdings sarkastisch) das Bestehende besser haben wollen (Deutsche Bank mit Betriebskindergarten); wäre das nominell orthodoxe, weil Lafontaine-nahe und Bartsch-ferne Personal, dessen Triumph der Linksparteitag groteskerweise mit der Internationale gefeiert hat, revolutionärer Ambitionen nicht so ganz und gar unverdächtig: Der neue Vorsitzende ist ein Gewerkschaftslangweiler wie aus dem Bilderbuch, die neue Vorsitzendende engagiert sich laut DPA für „Ökologie und Soziales“ und „zeigt Flagge als Anmelderin und Teilnehmerin von Protestaktionen gegen Neonazi-Aufmärsche“, was auch nicht eben klingt, als müsse man als Vorstand sein Geld sicherheitshalber in die Schweiz bringen.

Was also vom linken Grabenkrieg bleibt, ist die vergleichsweise langweilige Frage, wie man’s mit der SPD hält, die wiederum kaum zu trennen ist von jener, wie man zu Lafontaine steht, der allerdings auch kein Revolutionär ist, sondern ein Egozentriker, der seiner alten SPD weniger die Agenda 2010 übel nimmt als den Umstand, dass sie nicht ihn, sondern Gerhard Schröder zum Kanzler hat werden lassen.

Dass nun ausgerechnet Sahra Wagenknecht, der man die Formulierung eines Sozialismus fürs laufende Jahrhundert am ehesten hat zutrauen dürfen, sich mit einem der ältesten Hasen des BRD-Parlamentarismus liiert, darf als Treppenwitz eben jenes Weltgeistes gelten, dessen Geschäftsführerin diese Linkspartei nur insofern ist, als sie zwar „von dem, was not und was an der Zeit ist“ (Hegel), schon gar keinen Begriff mehr hat, eben das aber wahrscheinlich „die Wahrheit ihrer Zeit und ihrer Welt“ (ders.) ist.
Und unserer halt auch.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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