Wallraffs GLS-Reportage | The European

Paketbombe

Stefan Gärtner1.06.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Jetzt geht’s los: Erst wenn Wallraff kommt, ist ein Skandal ein Skandal.

a4ff0bc24e.jpg

gettyimages

Dass Fernsehen dumm mache, ist an dieser Stelle ja erst widerlegt worden, und der am Mittwochvormittag so lobend erwähnte 20.15-Uhr-Fernsehfilm (ARD) war am Mittwochabend immerhin so mittelmäßig, dass es zur parallelen Lektüre eines (schlechten) Romans langte. Und nach der Entscheidung, vor dem „Ausschalten“ (Peter Lustig) der Höllenmaschine noch einmal bei der privaten Konkurrenz nach dem Rechten zu sehen, schloss tatsächlich Günter Wallraff die Lücke bis zu „Tagesthemen“ und „heute journal“, die ausnahmsweise parallel liefen, was angenehm war, wenn man sich zwar einerseits Stoff für seine politische Wühlarbeit besorgen muss, aber andererseits auch nicht unbedingt den dicken Sigmund Gottlieb (CSU bzw. Bayerischer Rundfunk) ertragen will, wie er vor Begeisterung über seinen neuen Bundespräsidenten und dessen Reise nach Jerusalem sich fast ins Höschen macht.

„Dieses Paket ist angekommen“

Dann jedenfalls Wallraff auf RTL: „Günter Wallraff deckt auf“, und zwar das, “was ein Kollege vom NDR vor einem halben Jahr schon aufgedeckt hatte(Link)”:http://theeuropean.de/stefan-gaertner/9164-populismus-in-der-spd, die skandalösen Zustände im Paketgewerbe nämlich, bloß dass der Reporter vom NDR nicht halb so verkleidet aussah, wie Wallraff immer aussieht, und seine Sendung irgendwann um Mitternacht ausgestrahlt wurde, Wallraff aber fast noch zur Prime Time. So viel, nebenbei, zum öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag, der sich so wohltuend vom privaten Gelärme abhebt. Die Reportage vom NDR über Sklavenbedingungen bei UPS, Hermes und auch DHL hatte damals so gut wie keinen interessiert, für Wallraff, der sich des “Großversenders GLS(Link)”:http://www.zeit.de/2012/23/Wallraff-Paketzusteller/komplettansicht annahm, interessierten sich alle: „Es ist“, fasste der Medienchef der „FAZ“ Michael Hanfeld zusammen, „nicht die erste Reportage über die Usancen im Zustellungsgewerbe, doch muss man Günter Wallraff anrechnen, dass er die nötige Aufmerksamkeit zu schaffen versteht, die es braucht, um skandalöse Zustände wirklich in Angriff zu nehmen und nicht mit einem Schulterzucken zur Tagesordnung überzugehen … Dieses Paket ist angekommen.“ Weil nämlich die Kanzlerin, wie vermutet werden darf, viel eher RTL als NDR guckt und nun also durchgreift, einen Mindestlohn verordnet oder wenigstens mal einen Referenten fragt, ob die Gesetze gegen Scheinselbstständigkeit (das sind die Fahrer bei GLS nämlich: Scheinselbstständige, die als Pseudo-Unternehmer unter Umgehung der Sozialleistungen für GLS schuften, bei totaler Abhängigkeit und vollem unternehmerischen Risiko) vielleicht auch mal zur Anwendung kommen.

Am Ende ist er doch wieder bloß der Neger

Ein Schelm, wer annimmt, GLS werde und könne das locker aussitzen, weil die Hartz-Gesetze nämlich für genau die verzweifelten Massen sorgen, die sogar solche Jobs noch freudig annehmen, und höchst instruktiv, dass direkt über der Fernsehkritik von Wallraffs neustem Streich bei „Spiegel online“ freudig von „Boom“ und „Jobwunder“ die Rede war: es ist dieser Art, das Wunder. Wie viel die Aufdeckung von Skandalen durch Organe, die selbst zum täglichen Skandal nach Kräften beitragen, wert ist, mag jeder selbst entscheiden, und Wallraff, der die Paketstory (im Paket gewissermaßen) auch noch dem „Zeit-Magazin“ verklopfte, hatte gegen einen anderen Skandal übrigens nichts einzuwenden: dass RTL es nämlich für angezeigt hielt, die Wortbeiträge der Betroffenen nicht-deutscher Abkunft sämtlich zu untertiteln, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass die GLS-Opfer mit ghanaischen, griechischen oder türkischen Wurzeln mehrheitlich gutes, fließendes Deutsch sprachen. Da muss einer, der in Ghana Lehrer war, in Deutschland für drei Euro in der Stunde Pakete herumfahren, und wenn er im Fernsehen dann seinen Fall zur Sprache bringen darf, ist er vor einem Publikum, das Franz Josef Wagner für Hochsprache hält, doch wieder bloß der Neger. Direkt unter der Fernsehkritik zu Wallraff lesen wir bei „Spiegel online“ zu einem ganz anderen Thema: „Das Thema Rassismus ist noch nicht abgeschlossen“. Muss Wallraff sich halt wieder mal verkleiden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

In Deutschland beginnt der Kampf um die Gülle

Weil Kunstdünger wegen hoher Energiepreise knapp und extrem teuer geworden ist, hat mit einmal Gülle ihren Preis. Hatten Bauern früher Mühe, ihren Mist loszuwerden, wird er ihnen jetzt aus den Händen gerissen. Schon ist auch Gülle zum knappen Gut geworden. Von Oliver Stock / Wirtschaftskurier

Scholz ist Schulden- und Inflationskanzler

Der CDU-Chef warnt: Die gegenwärtige Bundesregierung macht in zwei Haushaltsjahren mehr Schulden als alle Bundesregierungen zusammen in den ersten 40 Jahren der Bundesrepublik Deutschland. Von Friedrich Merz

Aus für den Verbrenner: Kommt es jetzt zum Havanna-Effekt?

An 2035 wird es keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr auf europäischen Straßen geben. Werden Liebhaber von benzin- und Dieselantrieben dann mit ihren rostigen Lauben bis zum Sankt Nimmerleinstag unterwegs sein?

Corona: Die Illusion der Normalität

Wir erleben derzeit ein Deja-Vu. Wir koennen, so wie im Sommer 2021, auch jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass spaetestens im Herbst die Corona-Zahlen wieder deutlich steigen werden. Diese Tendenz ist bereits jetzt feststellbar - allerdings auf einem noch nicht

Ampel plant Kahlschlag bei Gas

Es klingt geradezu abenteuerlich, was der beamtete Staatssekretär des Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz vor wenigen Tagen bei einer Fachtagung von sich gegeben hat.

Habeck wagt den Coup gegen Gazprom

Trotz des Ukraine-Kriegs fließt russisches Gas weiter in großen Mengen nach Deutschland. Die Gasspeicher füllen sich zwar, doch nun gibt es ein Problem. Der Gazprom-Speicher im niedersächsischen Rehden bleibt leer. Ausgerechnet der ist aber der größte in Deutschland. Nun greift Wirtschaftsmini

Mobile Sliding Menu