Es gibt keinen Grund, zu denken, dass wir Menschen besonders gut darin sind, Moralvorstellungen umzusetzen. Ronald C. Arkin

Kleinkind macht auch Mist

Die womöglich beste und freieste Gesellschaft aller Zeiten hat nur einen Haken: Sie wird immer mehr zum Kindergarten.

Eben Nachrichten gehört. Danach Grönemeyer: „Die Welt gehört in Kinderhände …“ Mein Eindruck: Da ist sie schon.
Fanny Müller

Betrachtungen zur Lage der Fußballnation fallen ja nur ausnahmsweise in meinen Bereich. Aber das, was sich am späten Dienstagabend in Düsseldorf abspielte, als im letzten Spiel der Saison 2011/2012 Hertha BSC und die lokale Fortuna um den letzten freien Platz in der Bundesliga fochten und sich dabei das ergab, was sofort als „Skandalspiel“ die Runde machte, sei dann doch erörtert, aus Gründen.

Was war passiert? Eine Minute vor dem Abpfiff, Fortuna Düsseldorf war beim Spielstand von 2:2 prospektiv aufgestiegen, stürmten begeisterte Fans des Noch-nicht-ganz-Erstligisten den Rasen, das Spiel wurde unterbrochen, die Berliner Spieler flüchteten vorsorglich in die Kabine, und ganz besonders eifrige „Idioten“ („Welt“) begannen, Teile des Rasens auszugraben, als Souvenir. Bevor das Spiel beendet war. Und das ist es möglicherweise immer noch nicht: Hertha BSC hat Beschwerde eingelegt, der Fortuna droht ein Wiederholungsspiel und, im schlechtesten Fall, der Verbleib in der Zweitklassigkeit.

Kindlich-naiver Übermut

Aufmerksamen Beobachtern wie Daniel Theweleit vom Netz-„Spiegel“ war aufgefallen, dass der Beinahe-Spielabbruch kurz vor knapp, „anders als bei den Ausschreitungen in Köln am letzten Bundesliga-Spieltag oder bei der Zweitliga-Relegation in Karlsruhe am Montag, nicht von Gewalttätern herbeigeführt wurde. Den auf den Platz stürmenden Fans konnte man vielleicht sogar attestieren, dass sie die Sache aufgrund von geradezu kindlich-naivem Übermut aus den Fugen geraten ließen. Die meisten dieser Chaoten wollten das Erlebnis aufsaugen, ganz nah dabei sein. Sie haben darüber den Respekt vor dem Spiel, den Fußballern und den vernünftigen Zuschauern verloren.“

Kindlich-naiver Übermut, das klingt erst einmal niedlich, und ein nicht geringer Teil der Deutschen (z.B. das komplette „Tabaluga“-Publikum) hängt ja entschieden dem unverwüstlichen Kitschgedanken an, nur wer immer Kind bleibe, sei als Mensch ernst zu nehmen; aber es handelt sich, bei Maffay wie im Stadion, nominell um Erwachsene. Die Juristik kennt den Begriff der „Schuldfähigkeit“, womit „das Mindestmaß an Selbstbestimmung, das vom Gesetz für die strafrechtliche Verantwortlichkeit verlangt wird“, bezeichnet ist. Wer die Bilder am Dienstag gesehen hat, die Fans zeigten, die den Wiederaufstieg des eigenen Teams nach 15 langen Jahren in zweiter, dritter und vierter Liga in infantiler Unbekümmertheit zur Disposition stellten, der darf sich fragen, wie viel Prozent der deutschen Rechtssubjekte überhaupt in diesem Sinne schuldfähig sind. Und nicht einfach Kinder.

Fußballstadien müssen europaweit nicht als Horte von Humanitas und Intelligenz gelten, und durch Hooligans oder „Ultras“ ins Werk gesetzte Ausschreitungen, gern auch rassistisch und antisemitisch unterfüttert (Italien, Polen, Sachsen), sind längst an der Tagesordnung. Die Großdummheit von Düsseldorf, so glimpflich und ohne Verletzte sie am Ende ausgegangen sein mag, versteht man aber nur, wenn man sich zu der Einsicht bereit findet, dass Hopfen und Malz zwischen „Bild“ und Quotenfernsehen (Fernsehen also, das die Konsumenten da abholt, wo sie stehen: Kinderfernsehen) immer haltloser verloren zu gehen scheinen, wenn, um es auf den Begriff zu bringen, die Leute sich nicht mehr benehmen können. Da muss man gar nicht auf den klischierten Fußball-Prolo zeigen, da reicht eine Reise in einem sogenannten Ruheabteil der Deutschen Bahn, wo die Kreativen und Entscheider ebenfalls kein bisschen Respekt vor den vernünftigen Mitfahrern haben und derart hemmungslos herumtelefonieren, dass man es regelmäßig sehr bedauert, nicht der Unglaubliche Hulk zu sein. Entweder sie verstehen das Piktogramm nicht, oder es ist ihnen wurscht. Schwer zu entscheiden, was schlimmer ist.

Aber wehe, sie kriegen kein Eis bzw. der ICE hat fünf Minuten Verspätung: „Gewalt bei der Bahn – beschimpft, bespuckt, bedroht“, meldet die „Süddeutsche“. „Die Zahl der Übergriffe von Fahrgästen auf Mitarbeiter der Bahn steigt deutlich. Dabei liegt München deutschlandweit an der Spitze. Die Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft bemängelt fehlende Rückendeckung der Deutschen Bahn für ihre Mitarbeiter. Manche würden sich kaum noch trauen, solche Fälle zu melden.“

Solidarität, Rücksicht und Respekt als Wortwitze

Gesellschaft, hat die bekannte Sozialreformerin Margaret Thatcher mal gesagt, gebe es gar nicht; und wenn gegenwärtige Gesellschaft (die, wie wir Adorniten wissen, die Dummheit ihrer Angehörigen stets zu verantworten hat) Solidarität, Rücksicht und Respekt zu Witzworten hat verkommen lassen und auf dem Ideal des in erster Linie sich selbst verpflichteten Hochleistungsegoisten besteht, also einer wachsenden Zahl ihrer Mitglieder das allerkleinste Sozialeinmaleins vorenthält: dass nämlich, was man tut, Folgen hat für sich und andere, dann darf sie sich nicht wundern, wenn die Wahl bloß noch die zwischen Regression und Aggression ist. Wenn überhaupt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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