Des Kaisers nackter Hintern

von Stefan Gärtner19.08.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Immer, wenn dem Kapitalisten das Fressen ausgeht, kommt er mit Moral. Um den Chefredakteur eines deutschen Online-Debattenmagazins zu zitieren: my ass.

Angesichts der sich immer unverschämter gebenden Presse- und Öffentlichkeitsverhältnisse habe ich, seit ich für den European schreibe, immer wieder den Drang unterdrücken müssen, meinem Unwillen nicht durch Ausdrücke Luft zu verschaffen, die die gehobene Zeitungsberichterstattung stets und augenzwinkernd mit dem Namen Götz verbindet; und so sehr es der Redakteur einer großen deutschen Tageszeitung, der für Kirchenfragen zuständig ist und in einem Kommentar zum Mauerjahrestag eine gerade Linie von Hitler zur Linkspartei zog, verdient gehabt hätte, von mir „katholisches Arschloch“ genannt zu werden: So anständig bin ich dann doch, zu wissen, dass das nur Ärger bringt, nämlich meinem Führungsredakteur und dem Verlagsjustitiar.

Die Versprechen der Konservativen

Aber nun haben wir, nach hochoffizieller Auskunft meines Chefredakteurs, “„die Vision einer sozialen Gesellschaft verspielt. Alles, woran wir geglaubt haben, ist am Arsch“”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/7719-nachdenken-ueber-die-krise, ja, „asoziale Arschlöcher“ haben die soziale Marktwirtschaft vor die Wand gefahren, und nun stehen wir da, Konservative wie Linke, und wissen nicht weiter. „Zu den klassischen Versprechen der Konservativen gehörte: Fleiß zahlt sich aus, ebenso Strebsamkeit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit. Dieses Versprechen kam in Deutschland im Kleid der sozialen Marktwirtschaft daher, die es ermöglicht hat, dass breite gesellschaftliche Schichten in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Wohlstand kamen. Nun muss man um der Vollständigkeit willen sagen, dass nicht allzu lange nach dem Wirtschaftswunder auch das Schuldenmachen begonnen hat. Der Optimismus war groß: der Glaube an das Wachstum. Ein Wachstum, das Steuereinnahmen brachte, was wiederum für den Ausgleich sozialer Ungleichheiten sorgen konnte. Aber all das, der soziale Ausgleich für die weniger Begabten genauso wie die Investitionen der Mittelschicht in die Bildung ihres Nachwuchses, wurde schon auf Pump realisiert. Das Schulden-Pulverfass, auf dem wir heute sitzen, hat, was das betrifft, nichts mit den Finanzspekulanten der Gegenwart zu tun.“ Das stimmt sogar; aber ich weiß nicht, ob der Autor ahnt, dass er damit pfeilgerade antikonservativ, antimarktwirtschaftlich, antikapitalistisch argumentiert. Je „sozialer“ ein Kapitalismus organisiert ist, desto größere Sozialkosten verursacht er, und ein unendliches Wachstum, das diese Kosten immer wieder hereinspielt, gibt es nicht; dafür müsste man regelmäßig Weltkriege führen, auf dass man die Welt hernach wirtschaftswundermäßig wieder aufbauen könnte. Nun kann man diese Kosten jedenfalls zu Teilen der Kapitalseite in Rechnung stellen, und tatsächlich ließ die sich, solange es noch einen Eisernen Vorhang und dahinter eine (wenigstens prinzipielle) Alternative gab, auf diesen Deal ein: lieber abgeben als ableben.

Mit dem Ende der Mauer kehrte der Kapitalismus zurück

Dann war die Mauer weg, das Ende der Geschichte erreicht, und der “Kapitalismus durfte wieder das sein, was er seinem Wesen nach ist”:http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/7629-casino-kapitalismus: maßlos. 1980 machten laut statistischem Bundesamt die Ertragssteuern auf Unternehmens- und Vermögenseinkommen noch 94 Prozent des Lohnsteueraufkommens aus, 2003 nur noch 54 Prozent. 1983 hatten die Unternehmenssteuern einen Anteil von 14,3 Prozent am Gesamtsteueraufkommen, 2001 gerade noch 1,8 Prozent. Das Geld, das zur weitestmöglichen Stilllegung der Klassenkämpfe benötigt wird, holt der Staat sich also, seit das Kapital zur Mitarbeit keine Notwendigkeit mehr sieht, von den Arbeitnehmern, die jeden zweiten Euro von ihrem Brutto für Steuern und Sozialabgaben abtreten müssen, anderseits dann doch vom Kapital, allerdings auf Pump. Woran es, via Zins, verdient. Auch ohne zu spekulieren. Hier klingt nun der Ruf nach „Moral“, denn die komme, gegen Brecht, stets vor dem Fressen. Das sind Sonntagsreden. Eine kapitalistische Moral ist nutzlos, soweit sie sich nicht in Bilanzen niederschlagen kann. Ist die Lage schlecht (oder auch nur unprofitabel), wird der Arbeiter gefeuert, und wenn er acht Kinder hat und 40 Jahre lang pünktlich war. „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.“ Das hat ein englischer Gewerkschafter im 19. Jahrhundert gesagt, und der morgendliche Blick in die Zeitungen gibt keinen Anlass zu der Vermutung, dass sich daran etwas geändert hätte. ‘s wird wohl, wie man heute sagt, ein systemisches Problem sein.

Kann aus der Diskussion Neues entstehen?

Der reale Sozialismus ist für seinen Versuch, einen „neuen Menschen“ zu erziehen, der weiter denke als bis zum eigenen Silbertellerrand, immer verlacht worden. “Jetzt fordern Konservative eine Moral”:http://www.faz.net/artikel/C30351/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-30484461.html, die dem System, dem diese Moral dienen soll, wesentlich entgegensteht: die Quadratur des Kreises. „Zum Glück sind sich Konservative und Linke noch nie so nahe gewesen wie in diesem historischen Moment, in dem unsere Welt auf der Kippe steht. Hoffentlich entsteht etwas Neues daraus.“ Hoffentlich; denn das letzte Mal, als sich Rechte zu Sozialisten erklärten, war die Arbeitslosigkeit danach für drei Jahrzehnte passé.

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