Sex und Crime bei Aldi | The European

Das ist so billig

Stefan Gärtner4.05.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Das neuerdings als skandalös verhandelte Prinzip Aldi ist nicht mehr und nicht weniger als das Prinzip Marktwirtschaft.

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Jürgen W / photocase.com

Der vergangene Freitag war vielerorts der heißeste Apriltag, seit in Deutschland Wetter aufgezeichnet wird, und wenn es so früh im Jahr schon so heiß ist, dann beginnt das Sommerloch halt auch ein bisschen früher, und Günther Jauch verhandelt das „Aldi-Prinzip“, weil nämlich auch der „Spiegel“ per Titelgeschichte den Spezifika der deutschen Discountlegende und ihren „teils skrupellosen, teils skurrilen Praktiken“ auf die Schliche gekommen war. Und wer vor ein paar Jahren die Vorgänge um den Konkurrenten Lidl verfolgt hat, war nicht überrascht, von hysterischer Überwachung, schikanöser Ausbeutung und Betriebsräten zu hören, deren Gründung der Konzern zu sabotieren versucht habe. Und freilich auch hat.

Fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie

Lidl, Schlecker, Aldi – die Versorgungsstellen für die niederen (und, weil Aldi ja „Kult“ ist, auch höheren) Stände sind bereits fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie: geheimnisumwitterte Milliardäre mit ihren Selfmade-Imperien, Konsum für alle und _Camp_ für die Intellektuellen, aber auch die Feindschaft, die mit der Ehre wächst, auf so vorzügliche Weise die Grundversorgung mit Bedarfsgütern sicherzustellen, und die sich dann in Betriebsreportern wie Wallraff inkarniert, die mit Enthüllungen der Art, dass der Großerfolg der Discounter auch was mit miserabligen Arbeitsbedingungen zu tun hat, der Chose den Geschmack von Dubiosität, vielleicht sogar Kriminalität beigeben. Und besser noch, wenn zum Crime der Sex kommt: „Aldi geht Vorwürfen nach, Mitarbeiter hätten mit Überwachungskameras heimlich voyeuristische Aufnahmen von Kundinnen in kurzen Röcken und tief ausgeschnittenen Tops gemacht. Eine Sprecherin von Aldi Süd sagte am Montag der Nachrichtenagentur dapd, eine derartige Verwendung der Überwachungskameras sei eindeutig missbräuchlich und rechtswidrig … Mitarbeiter des größten deutschen Discounters hatten einem Bericht des Nachrichtenmagazins ,Der Spiegel‘ zufolge Kundinnen heimlich gefilmt und die Videos untereinander ausgetauscht.“ Unterhaltung ist das alles auch deshalb, weil aus den Anwürfen garantiert nichts folgt. Weder wird Aldi zum Betriebsrats- und Datenschutzweltmeister, noch wird die Kernfrage, an der alle einschlägigen Debatten absichtsvoll vorbeirauschen, mehr als schamvoll angedeutet: „Leider nur kurz wird, von Jauch angestoßen, die Frage gestreift, ob es überhaupt möglich ist, das alles in eine richtige Balance zu bringen: faire Bezahlung der Lebensmittelproduzenten, gerechte Entlohnung der Beschäftigten, günstige Preise an der Kasse mit Blick auf die Tatsache, dass viele Kunden es sich schlichtweg nicht leisten können, nicht billig einzukaufen. Womöglich wäre das ein eigenes Thema für eine weitere Talkshow.“ (“„Spiegel Online“”:http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830514,00.html)

Skandal als systemischer Normalfall

Gott behüte; denn die müsste ja feststellen, dass das, was da routiniert als Skandal bekräht wird, der systemische Normalfall ist und die Kundschaft nur deshalb so tapfer mit Reallohnsenkung und Minilohn hat umgehen können, “weil die Lebensmittel in Deutschland so billig sind”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/4320-aufschwung-der-wenigen wie sonst fast nirgends; und dass die gerechte Entlohnung der Beschäftigten und die faire Bezahlung der Lebensmittelproduzenten da eben hintanstehen müssen, von Ökologie und Tierschutz sowieso zu schweigen. Leichter als eine solche Debatte, die den Mythos vom funktionierenden Markt dann doch erschüttern würde, ist da freilich das Anzeigen der üblichen dubiosen Methoden des Kapitals, wenn es sich ganz ausnahmsweise mal nicht an die Regeln hält; und wenn die Anzeige von Journalistinnen erstattet wird, die sich im Fernsehen mit der Aussage einführen, sie gingen „aus Prinzip“ nicht zum Discounter, weil sie nämlich vom Elternhaus auf „sinnliches“ Einkaufen von Markenware geeicht seien, dann freuen wir uns, dass die Diskussion mal wieder von denen geführt wird, die sie garantiert nichts angeht.

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