Was gedruckt werden muss

Stefan Gärtner6.04.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wer abdruckt, stimmt zu, und sei’s nur der eigenen Scheinheiligkeit.

Selten genug, dass sich mal alle einig sind (wenn es nicht gerade um einen Bundespräsidenten Gauck geht), und sollte die Entscheidung der „Süddeutschen Zeitung“, Günter Grassens Gedicht “„Was gesagt werden muss“”:http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809 in Druck zu geben, auf der Absicht beruht haben, die Einigkeit der Demokraten herzustellen, müsste man sagen: _Mission accomplished._

Öffentliche Selbsthinrichtung

Die gleichfalls demokratische „New York Times“ hat das Gedicht dagegen nicht gedruckt, und die erste Frage, die mir durch den Sinn rauschte, als ich die unverhohlen antisemitische Scheiße las, war: Warum druckt die „SZ“ das? Es ist ja nicht so, dass hier allen Ernstes das zu erwarten stand, was Medien, nicht wissend, was ein Pleonasmus ist, gern „kontroverse Diskussion“ nennen: Spätestens mit dem stereotypen Anwurf, Israel sei ein Feind des Weltfriedens, war keine exegetische Bemühung mehr nötig. Mit einer Diskussion, einer „Debatte“, die zu entfachen einer großen Tageszeitung gut zu Gesicht stehen kann, war also nicht zu rechnen, der Fall lag allzu klar. Wenn der Fall aber klar lag, war der Abdruck nicht weniger als beflissene Beihilfe zur öffentlichen Selbsthinrichtung, und zwar der eines alten Freundes. Argumentiert wird jetzt erwartbar mit dem impliziten Verweis auf das Interesse der Öffentlichkeit: Etwas abzudrucken, gab Thomas Steinfeld in der „SZ“ zu Protokoll, bedeute ja keine Zustimmung; es ist mithin bloß einer Dokumentaristenpflicht genügt worden. Mag alles sein, aber es erzähle mir keiner, in München habe man nicht gewusst, welchen Coup man landet, wenn man Grass ins offene Messer laufen lässt. Ich hege keinerlei Sympathie für den eitlen Blödmann, der außer zwei, vielleicht drei guten Büchern in fünfzig Jahren nichts zuwege gebracht, sondern nur genervt hat; ich frage mich nur, warum es nicht möglich gewesen ist, zu sagen: Lieber Herr Grass, vielen Dank für Ihre Einsendung. Wir möchten sie nicht drucken. Wir halten Ihr Gedicht für antisemitisch, und wir drucken aus Prinzip keine antisemitischen Gedichte, erst recht keine schlechten. Mit freundlichen Grüßen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit; wenn da nicht das aufklärerische Ethos wäre, das der „SZ“ befohlen hat, aller Welt zu zeigen, dass G. in Tat und Wahrheit der ewige Antisemit ist, als der er dann in der „Welt“ firmieren konnte. Kann sein, dass der Umstand, dass wir das jetzt schwarz auf weiß haben, alles rechtfertigt; kann aber auch sein, dass das alles bloß Zynismus, eine „Büberei der Gesinnung“ (Kraus) ist, nämlich dann, wenn man bedenkt, dass Grass fürs Bürgerfeuilleton doch bis zuletzt eine respektable Figur war. Aber das ist in dem Moment vergessen, wo Sensation, wo Skandal zu machen ist: „He, räumt mal ‘ne halbe Seite Feuilleton frei, der Grass schreibt was gegen die Juden!“

Judenfeindlicher Amoklauf

Ich möchte für die „Süddeutsche Zeitung“ hoffen, dass es wenigstens eine Diskussion in der Sache gegeben hat (und wenigstens der wackere Prantl Bedenken hatte); denn einen angekündigten judenfeindlichen Amoklauf nicht zu verhindern, damit man die Fotos exklusiv hat und sich in kopfschüttelnden Kommentaren der eigenen Rechtschaffenheit versichern kann (die spätestens dann wieder auf Kurs ist, wenn man sich über „das Schicksal der Palästinenser“ verbreitet), ist ja am Ende doch das, was ein Gesinnungsfreund Grassens vor Jahren mal „Instrumentalisierung von Auschwitz“ genannt hat.

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