Vergeltung

von Stefan Gärtner23.03.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wenn islamische Terroristen Juden ermorden, sind die Juden selber schuld – so war es nicht gemeint? So ist es gemeint.

„Wenn wir daran denken, was heute in Toulouse passiert ist, erinnern wir uns daran, was voriges Jahr in Norwegen passiert ist, wir wissen, was momentan in Syrien passiert und wir sehen, was in Gaza und an anderen Orten passiert, wir denken an junge Menschen und Kinder, die ihr Leben verloren haben.“ Kaum hatte die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Ashton, dieses gefällige Statement in die Öffentlichkeit gestemmt, war die Empörung groß; wenn auch hauptsächlich in Israel, wo es gerechterweise wenig Neigung gibt, den (Klein-)Krieg gegen Hamas und Fatah mit der Aggression eines Psychopathen oder dem Vernichtungsfeldzug einer Autokratie identifiziert zu sehen. „Israels Außenminister Avigdor Lieberman bezeichnete den Vergleich als unangemessen und sagte, er hoffe, dass Ashton ihr Statement zurückziehen werde. Die Kinder, über die Ashton reden solle, seien ,diejenigen im Süden Israels, die in ständiger Angst vor Raketenangriffen aus Gaza leben‘, sagte Lieberman der ,Jerusalem Post‘ am Rande eines China-Besuchs. Verteidigungsminister Ehud Barak forderte Ashton ebenfalls auf, ihren Vergleich zurückzunehmen. Er sei ,abscheulich und weit von der Realität entfernt‘, sagte Barak. Israel gehe im Gazastreifen ,mit der allergrößten Vorsicht vor, um die Leben Unschuldiger zu schützen‘. Er hoffe sehr, ,dass die EU-Außenbeauftragte ihren Fehler einsieht‘.“ (“„Welt online“(Link)”:http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article13934277/Diplomatin-ohne-Gespuer.html)

Der „antisemitische Reflex“ wurzelt tief

Es war dies, versteht sich, alles ein Missverständnis. „In einer Stellungnahme aus Ashtons Büro hieß es, ihre Äußerung sei missverstanden worden. Sie habe ,über Tragödien gesprochen, die Kinder überall auf der Welt das Leben kosten, und keinerlei irgendwie geartete Parallele zwischen den Umständen des Anschlags von Toulouse und der Situation in Gaza gezogen‘.“ (ebd.) Wir Mediennutzer wissen allerdings, dass immer dann, wenn es in Dementis um „Missverständnisse“ geht, zuvor genau das gesagt worden ist, was auch gemeint war: dass der Jud’ halt schon auch selber schuld ist, wenn sich ein übergeschnappter Moslem für „das Schicksal der Palästinenser“ („Süddeutsche Zeitung“, 22. März) rächt. Dieser „antisemitische Reflex“, wie es der Grüne Beck genannt hat, wurzelt, man weiß es, tief und glaubt sich immer wieder gerechtfertigt durch den Verweis auf die „Tragödie“, das „Schicksal“ der Palästinenser, mit denen man zwar tatsächlich nicht tauschen will, die ihre Flüchtlingslagerexistenz allerdings eventuell weniger dem zionistischen Aggressor Israel als dem geschlossenen Unwillen der arabischen Welt zu verdanken haben, den Staat Israel als Realität anzuerkennen. Selbst wer auf dem Standpunkt steht, Israel sei als Staat ab ovo illegitim, weil es auf fremdem, geraubtem Territorium errichtet worden sei (das zum nicht geringsten Teil freilich aus Wüste bestand), müsste sich doch fragen lassen, ob das verzweifelte Beharren auf dem „eigenen“ Boden es rechtfertigt, dass mittlerweile die vierte palästinensische Generation ihr Leben in Notunterkünften fristet. (So groß war die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat ja auch bei den deutschen Ostvertriebenen nicht, dass sie sich nicht trotzdem in Celle oder Landshut ihr Häuschen gebaut hätten. Und apropos „geraubtes“ Land: Wären die USA dann nicht gleichfalls illegitim?)

Seit 1947 werden die Palästinenser missbraucht

Dass Israel im Gazastreifen mit der allergrößten Vorsicht vorgehe, um die Leben Unschuldiger zu schützen, ist natürlich auch bloß die halbe Wahrheit: Israel befindet sich seit 60 Jahren im Krieg um die staatliche Existenz, und im Krieg gibt es, wenn diese Binse hier erlaubt ist, Tote, auch unter Zivilisten. Für die EU-Außenbeauftragte und ihre Sympathisanten in der Sache (deren es z.B. in der deutschen Linken viele hat) ist die Schuldfrage trotzdem geklärt, und es ist, gerade in Deutschland, schon eine seltsame Parteilichkeit, wenn die Frage, was denn die Konsequenz eines „Sieges“ der palästinensischen Sache wäre, gar nicht gestellt wird, genauso wenig wie die, wer denn ein Interesse daran hat, den Konflikt am Kochen zu halten, und dafür über Leichen geht, auch die von Kindern. Israel ist es jedenfalls nicht. Seit dem UN-Teilungsplan von 1947 (der, notabene, von der arabischen Seite abgelehnt worden ist) werden die Palästinenser missbraucht: Der Konflikt hat jahrzehntelang von den erbärmlichen Zuständen in den arabischen Autokratien abgelenkt, und was sich nicht diesem handfesten materiellen Interesse verdankt, verdankt sich dem völkisch-religiösen Wahn von der heiligen Muttererde. (Den gibt es in Israel, Stichwort Siedlungspolitik, zwar auch, aber deshalb lebt kein Israeli in Armut.) Das Ziel der palästinensischen Politik, wie sie von den lokalen nationalistischen Wirrköpfen vertreten wird, ist nach wie vor das Verschwinden des Staates Israel. Wer das ausblendet, ist im besten Falle naiv. Im schlimmeren aber Antisemit.

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