Eigentum verpflichtet

von Stefan Gärtner2.03.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Gerade auf dem Mietmarkt gilt (mit Gerhard Polt): G’sund is, was sich rentiert. Ein Protokoll.

Der Freund sah müde aus. Die halbe Woche habe er jetzt seine neue Wohnung renoviert. Alles völlig kaputt; er habe das erst gar nicht bemerkt, als er die Wohnung besichtigt habe, im Winterlicht und möbliert, wie sie gewesen sei, aber jetzt seien die Vormieter raus und hätten ihre Schränke und Sofas freilich mitgenommen, und dahinter habe es allerhand zu entdecken gegeben: sterbenskranke Tapeten, Wände, die so fertig seien, dass einem die Farbe in Placken entgegenfalle, und drei Sorten Fußbodenleisten pro Raum, teilweise mit Klebeband fixiert. Er kenne das, sagte der Freund, bzw. gebe es, seiner Erfahrung nach, immer zwei Sorten Wohnungen: die, die der Eigentümer als Wertgegenstand betrachte, und die, aus der mit minimalem Aufwand eine maximale Rendite gepresst werde.

Aus dem Wenigen das Beste machen

Die erste Sorte gehöre Leuten, die eine altmodische Vorstellung von Besitz hätten, was gar nicht mal so viel mit Eigentum verpflichtet zu tun habe als mit der gutbürgerlichen Idee, dass Besitztum Pflege verdiene. Der zweiten Sorte Vermieter sei das egal, da werde bedenkenlos auf Profitmaximierung vermietet, und die Wohnung, in der er jetzt leben werde, sei substanziell im Grunde am Ende, da sei, sagte der Freund, seit bestimmt zwanzig Jahren nichts gemacht worden. Allein, dass da zwei Sorten Steckdosen an zwei getrennten Leitungen hingen, sage alles, da habe es irgendwann mal neue Dosen gebraucht, aber statt die Elektrik neu zu machen, habe man da einfach eine zweite Leitung daneben gebraten, und zwar auf Putz, nicht dass es am Ende wie eine Investition aussehe. Dabei koste das vielleicht eine Jahresmiete, da mal einen Trupp Bauhandwerker durchzuschicken, um das Nötigste zu machen, und die koste es früher oder später eh, denn jede Fahnenstange habe ein Ende, es sei denn, in der Zwischenzeit finde sich ein Dummer, der für die Ehre, für durchaus viel Geld in einer fremden Wohnung wohnen zu dürfen, deren Sanierung übernehme. Er, sagte der Freund, habe allerdings keine Lust mehr, auf eigene Rechnung anderer Leute Eigentum wiederherzustellen, er habe jetzt improvisiert und aus dem Wenigen das Beste gemacht; dass man mit Montagekleber Tapetenfetzen kleben könne, er habe es vorher gar nicht gewusst. Und trotzdem mache ihn das alles unfroh, denn in einem besetzten Haus wohnen und Penthouse zahlen, da fühle er sich angeschmiert, und außerdem habe dieses Haus ja mal jemand gebaut, hätten Menschen mit ihrer Hände Arbeit dieses Haus da hingestellt, und ein paar Jahrzehnte später säßen irgendwelche Leute in irgendwelchen Immobilienbüros, und es sei ihnen alles scheißegal, solange nur der Rubel rolle. Die Wohnung, in der er, der Freund, jetzt leben werde, weil er sie dringend gebraucht habe und auch nicht über die Mittel für den Bereich Stilaltbau verfüge, sei sogar noch abgenommen worden, da sei also der Eigentümer oder der Verwalter mit dem Vormieter durch, und der Vier-minus-Zustand der Wohnstätte sei beim neuen Mietpreis auch berücksichtigt worden, mit zwanzig Prozent. Aufschlag, versteht sich. Angebot und Nachfrage.

Niemand schämt sich mehr

Das, sagte der Freund, und er sah jetzt wirklich müde aus, sei es, was ihn fertigmache: dass sich keiner mehr schäme. Und dass er da, unfreiwillig genug, auch noch mitmache. Aber das sei nun mal soziale Marktwirtschaft; langweilig werde sie nie. Der Freund schwieg jetzt, und ich, der ich selbst bald umziehen muss, entdeckte einen Farbrest an seinem Daumennagel und musste an den Zeitungsartikel über den Deutschen denken, der seit 26 Jahren in den USA für einen Mord im Gefängnis sitzt, von dem durchaus nicht sicher ist, dass der Deutsche ihn begangen hat. Vor zwei Jahren sollte er, nach fast einem Vierteljahrhundert, nach Deutschland überstellt werden, eine Woche fehlte noch, als die Republikaner die Gouverneurswahlen gewannen und der neue Mann, einzig aus Gründen der persönlichen Profilierung, den Entscheid kurzerhand aufhob. Ich fände es schön, wenn der Meteorit, der diesen ganzen Sauladen beizeiten zu Klump schlagen wird, sich ein bisschen beeilte.

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