Kreuzigt ihn

Stefan Gärtner17.02.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Einer muss doch schuldig sein: Was der Fall Sauerland mit Demokratie zu tun hat und was vielleicht nicht.

Jetzt ist er also weg, der Sauerland, und die Demokratie ist gerettet. „Über Sauerland siegt eine engagierte Bürgerschaft, die sich durch ein anspruchsvolles Abwahlverfahren gekämpft hat. In den Zeiten der Politikverdrossenheit ist das ein Signal, dass die Demokratie nicht auf dem Rückzug ist. Man muss nur um sie kämpfen.“ („Neue Presse“, Hannover) „Mit der Abwahl hat das Bündnis aus Bürgern, Parteien und Gewerkschaften zudem gezeigt, dass sich mit gesellschaftlichem Zusammenhalt gegen politische Missstände angehen lässt. Dieses vorbildhafte Zusammengehen regt zur Nachahmung an und sollte manchen Politiker nachdenklich stimmen.“ („Delmenhorster Kreisblatt“) „Dass dieser Schritt vollzogen ist, macht für die Stadt endlich einen Neuanfang möglich.“ („Neue Osnabrücker Zeitung“) Insgesamt: “„Die Demokratie hat sich als wehrhaft erwiesen“ (The European)(Link)”:http://www.theeuropean.de/sebastian-pfeffer/9989-abwahl-des-oberbuergermeisters-von-duisburg.

Na Gott sei Dank

Das Westdeutsche Fernsehen hat mit „Die Story“ ein Reportageformat im Programm, das sich angenehm vom kurrenten Krawalljournalismus abhebt, und in seiner jüngstvergangenen, einen Tag nach dem Duisburger Neuanfang ausgestrahlten Folge hatte die Reporterin die letzten Monate des Politikers Adolf Sauerland (CDU), Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, begleitet. Was man zu Gesicht bekam, war weniger ein machtvergessener, sturer Apparatschik, der den Arsch nicht vom Stuhl kriegt, denn ein kleiner, fülliger, jovialer Mann, der sich durch eineinhalb Jahre erbitterter, hasstriefender Anfeindung gequält hat und aber bis zuletzt darauf pochte, juristisch unschuldig und demokratisch gewählter Bürgermeister zu sein. Dass er im Ernst und ganz persönlich etwas für die Loveparade-Katastrophe könne, wirft ihm auch längst niemand mehr vor, weder ein Staatsanwalt noch die, die ihn, wo immer er auftrat, mit Trillerpfeifen und „Hau ab!“-Rufen empfingen. „Sauerland allein die Schuld anzulasten, wäre verfehlt“, fasste die „Rheinische Post“ die Stimmung zusammen. „Dass er – wie die allermeisten damals auch – die Loveparade unbedingt in Duisburg haben wollte, kann ihm ebenfalls nicht angelastet werden. Sauerland hat für seine Stadt das Beste gewollt. Er trägt jedoch kraft seines Amtes eine moralische Verantwortung.“

Irre Forderung

Darum geht es: ums Verantworten, und was man Sauerland im Letzten also vorwirft, ist, sich nicht am selben Abend vor die Mikrofone gestellt und mal eben 20 Tote auf seine Kappe genommen zu haben. Die Forderung ist irre. Auch wenn Politik zu zwei Dritteln aus symbolischen Handlungen besteht und der OB so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man (unter Krisenmanagements- bzw. PR-Gesichtspunkten) falsch machen kann – sein ebenfalls nicht sehr kompetent dreinschauender Pressechef stellt im Film zu Recht fest, dass die Sache am Unglücksabend für Sauerland schon gelaufen war –, darf man einem Lokalpolitiker zugestehen, vor solch einem Unglück erst einmal ratlos, hilflos und so vorsorglich abwehrend zu sein, wie es Sauerland war. Das mag verkehrt sein, ist aber verständlich und jedenfalls verständlicher als der grimmige Krieg, den man in Duisburg vom Zaun gebrochen hat, nicht um einen Verantwortlichen hängen zu sehn, sondern überhaupt erst mal einen zu bekommen, wo, wie sich herausgestellt hat, die Verantwortlichkeiten so ohne Weiteres gar nicht zuzuweisen sind. Aber Verantwortung muss sein, und nichts macht in Deutschland, wo die hohe Rede von der „Würde des Amtes“ die tradierte Sehnsucht nach Autorität kaschiert, populärer, als großartig „Verantwortung“ zu übernehmen. Wenn Margot Käßmann betrunken Auto fährt und dafür auf der Stelle „die Verantwortung“ übernimmt, dann wird sie für diese schiere Selbstverständlichkeit über Nacht zum Superstar. Wenn ein Lokalpolitiker, der Grund zu der Annahme hat, er sei kein ganz schlechter Bürgermeister gewesen, es nicht über sich bringt, mal eben so und unter Schock für 20 Totgetrampelte „die Verantwortung“ zu übernehmen, dann wird er zur hässlichen Fratze der Macht und zum willkommenen Ziel für ein Wutkleinbürgertum, das aus Gründen, die es weder mit noch ohne WDR-Kameras benennen kann, auf einem vollkommen halluzinierten „Neuanfang“ besteht. Die Frage, wie widerlich es sei, dass die Opposition auf dem Rücken eben der Toten, die Sauerland nach allgemeiner Ansicht nicht entschlossen genug beweint hat, einen Wahlkampf zu ihren Gunsten finanziert, stellt sich freilich nicht, wo diese Art von demokratischer Selbstermächtigung sich im Kopieren der Kampagnenmuster der „Bild“-Zeitung erschöpft: Personalisierung, Skandalisierung, kreuzigt ihn; und der Pöbel folgte seinen Rübe-ab-Instinkten und malte Sauerland an einen symbolischen Galgen. Das ist, auch wenn es diesmal einen von der CDU getroffen hat, eine Boulevard- und Springer-Demokratie, die man ruhig einen Dreck nennen soll. Auf meine Verantwortung.

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