Soziale Kälte

von Stefan Gärtner10.02.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ganz Wuppertal ist obdachlos: Was in diesen Tagen Obdachlose zu Dutzenden tötet, ist nicht der Winter, sondern ein System, zu dem Obdachlosigkeit wesensmäßig gehört.

Dreihundert Todesopfer hat der strenge Winter bislang gefordert, und wieder mal sei festgestellt: Das stimmt nicht. Wenn in Europa ein Winter Todesopfer fordert, dann liegt das nicht am Winter, dann liegt das an Europa. „Nach Jahren des Rückgangs hat die Zahl der Wohnungslosen zuletzt wieder stark zugenommen“, lese ich in der „Süddeutschen Zeitung“. „Erklärt wird das mit dem Anziehen der Mieten bei gleichzeitig steigender Armut der unteren Armutsgruppen“, also mit dem, was gemeinhin „Auswüchse des Kapitalismus“ genannt wird, aber doch bloß Kapitalismus im Alltagsbetrieb ist. Aber den wollen wir bekanntlich loben, denn was Besseres finden wir nirgendwo; also beeilt sich die „Süddeutsche“, ihren allerbesten Freund und Partner zwanzig Druckzeilen später, im haargenau selben „Aktuellen Lexikon“, zu entlasten: „Heute ist klar: Obdachlosigkeit ist oft die Folge psychischer Leiden“, wobei offen bleiben muss, wie oft denn „oft“ ist; oft genug hoffentlich, dass der geneigte Wohlstandsleser sich nicht zu Unrecht im Gefühl wiegt, dass es schon böse menschliche Schicksale gibt, da machst nix dran. Erst bekloppt und dann erfroren, schlimm.

22.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) leben 22.000 Menschen in Deutschland auf der Straße, 250.000 sind wohnungslos, also „ohne mietvertraglich abgesicherten Wohnraum“, weitere 100.000 akut von Wohnungslosigkeit bedroht. „Angesichts der wirtschafts- und finanzpolitischen sowie der sozialpolitischen Rahmenbedingungen werden sich die beschriebenen Trends weit über 2011 hinaus fortsetzen, sodass mit einer Fortsetzung des Anstiegs der Wohnungsnotfälle der Jahre 2009 und 2010 zu rechnen ist. Deshalb prognostiziert die BAG W einen Anstieg der Wohnungslosenzahlen um 10 bis 15 Prozent auf 270.000 bis 280.000 bis zum Jahr 2015.“ Ein gutes halbes Prozent ist hierzulande also im weiteren Sinne ohne Obdach oder zumindest davon bedroht. Das bedeutet freilich, dass 99,5 Prozent über Wohnraum verfügen, und also wäre, von der statistischen Warte aus betrachtet, alles in guter Ordnung; aber 370.000 Menschen sind 370.000 Menschen (so viele Einwohner hat Wuppertal), und ein Leben im Behelfsheim ist keines, mit dem irgendeiner der 99,5 Prozent tauschen wollte; und was es heißt, ein Drittel oder die Hälfte des Familieneinkommens für die Miete aufzubringen, weiß man da auch. Wer hat, der hat, wer nichts hat, hat Pech: das gilt fürs Wohnen unter Marktbedingungen wie für alles andere, und wie stur konsequent der Kapitalismus da ist, zeigt das Phänomen, das unter dem Schlagwort Gentrifizierung Karriere gemacht hat. Arme Stadtquartiere werden erst von Studenten und Künstlern, dann von Gutverdienern in Beschlag genommen, die auf der Suche nach Buntheit und Atmosphäre sind, und die Mieten reagieren auf die steigende Nachfrage und steigen mit, und irgendwann ist es für die alteingesessenen Familien, Rentner und Kleinverdiener vorbei. Gegen Gentrifizierung sei praktisch nichts auszurichten, hat eine Fachfrau neulich eingestanden, und da hat sie recht, denn wo der Markt die Dinge regelt, da regelt die Dinge der Markt, auch wenn sich Wohlmeinende wie der Münchner OB Ude immer wieder für sozialverträgliche Wohnbaupolitik aus dem Fenster hängen. Was statt dessen passiert, kann man in der Hamburger Hafencity oder, in näherer Zukunft, über dem neuen Stuttgarter Hauptbahnhof besichtigen, wo die immer gleichen Investorenträume in Form von Designer-Wohnetagen Gestalt gewinnen. Die könnte sich der Sozialarbeiter, der ein paar Quartiere weiter dafür sorgt, dass die Abgehängten Ruhe halten, selbst dann nicht leisten, wenn er wollte.

Die Rechnung zahlen immer dieselben

Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, und alle, die sich die Illusion bewahrt haben, sie lebten in keiner Klassengesellschaft, sollten mal in die Metropolen fahren, wo in den neubürgerlichen Vierteln die Gutverdiener unter sich sind, ihre Kinder nur mit Gutverdienerkindern spielen und per Früherziehung auf ein Leben vorbereitet werden, das nur dann in einem schlechten Viertel stattfindet, wenn es eins zu gentrifizieren gibt. Die Gettoisierung der Städte ist, so will es der Markt, in vollem Gange, und für wen auch im Getto am Stadtrand kein Platz ist, der liegt, wenn es schlecht läuft, in der Fußgängerzone und zahlt den Preis dafür, dass der Markt für Arme-Leute-Wohnraum praktisch keiner ist und ein Staat, der mit den übrigen Kollateralschäden kapitalistischen Wirtschaftens schon genug zu tun hat, als Sozialwohnungsbauer ausfällt. Denn das ist, wie man längst auch in Polen (62 Kältetote), Tschechien (18) und der Ukraine (135) weiß, Kapitalismus: Die Rechnung kommt bestimmt, und es sind immer dieselben, die sie zahlen.

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