Nichts als die halbe Wahrheit

von Stefan Gärtner3.02.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Journalismus ist, möglichst viele Meinungen zu haben. Es muss ja nicht die eigene sein.

Einer der größeren Nachteile meines Berufes (neben unregelmäßigem Geldeingang, mäkeligen Lektoren und einem ewig mahnenden Schreibtisch) sind die Zeitungsstapel, die überall herumfliegen: auf dem Fenstersims, auf dem Drucker, auf dem Boden, Stapel mit Zeitungen von gestern, letzter Woche oder 2010, die ich aufgrund irgendwelcher journalistischer Kapriolen beiseitegelegt habe in der Hoffnung, dass sich dereinst mal was verwerten lässt. Das stößt sich freilich mit meinem Ordnungssinn, weswegen im Idealfall zwischen Lektüre und Verwertung nicht mehr als 24 Stunden liegen; deswegen hier, „Süddeutsche Zeitung“ vom Donnerstag, in einem eigentlich okayen Artikel über die Münchner Präsentation von Helmut Dietls schlimmem Schrottfilm „Zettl“, der das legendäre „Kir Royal“ in Berlin fortschreibt (oder es jedenfalls versucht hat): „Helmut Dietl sitzt noch eine Weile mit seinen Filmgefährten in der VIP-Box. Am nächsten Morgen geht der Flieger nach Berlin, in die Stadt, die offenbar nicht zu begreifen ist.“ Abseits der Möglichkeit, dass ich hier die Ironie übersehe, ist es die reine Gedankenlosigkeit, die Tatsache, dass einer einen schlechten Berlin-Film gedreht hat, nicht dem Regisseur, sondern der unwiderstehlichen Macht des Alltagsmythos Berlin in die Schuhe zu schieben. Der halt schlicht nicht zu fassen ist.

Unterbewusste Motivwahl

Ideogramme („Bildzeichen“) im Sinne Bourdieus sind (fotografische) Abbildungen, die das Konkrete des Abgebildeten vor der Aussageabsicht, einem a priori feststehenden symbolisch-allegorischen Tableau, in den Hintergrund treten lassen: zwei Liebende auf der Seufzerbrücke, die großen Kinderaugen in einer Reportage über Brennpunktelend. Dem Vorgefundenen wird kein transzendenter Mehrwert zugetraut, sondern die Motivwahl folgt bereits einer (unbewussten, automatisierten) Vorstellung vom symbolischen Gehalt. Das bedeutet, dass es um das, was ist, gar nicht mehr geht: Ob Berlin, wie von allen zuständigen Stellen seit zwei Jahrzehnten nimmermüd behauptet, tatsächlich die “spannendste”:http://theeuropean.de/alexandra-schade/9253-totalausfall-bei-der-s-bahn, “verrückteste”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/8103-wahlerfolg-der-piraten, “wildeste”:http://theeuropean.de/alexandra-schade/7884-alkoholverbot-in-hamburg, “modernste”:http://theeuropean.de/thore-schroeder/9767-berlins-flughafen-willy-brandt, bedeutendste Spitzenmetropole der Welt und aller Zeiten ist, ist also gleich doppelt egal: mir sowieso, aber auch auf einer Ebene des Konkreten, Nachprüfbaren. Das reale Berlin, das im Zweifel auch nicht schwerer zu begreifen ist als “Bielefeld”:http://www.theeuropean.de/pit-clausen/1246-warum-es-bielefeld-gibt oder Pforzheim, gibt es in diesen Zusammenhängen gar nicht, es interessiert auch keinen.

Journalismus redet in Schablonen

Die “Rede Marcel Reich-Ranickis”:http://www.youtube.com/watch?v=uRNzcWIB__w vor dem Bundestag zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz war kaum vorbei, als auf allen Kanälen wieder gelogen wurde, was das Zeug hielt: das Warschauer Getto wurde von SS-Männern geräumt, die Nazi-Verbrechen waren ungeheuerlich usw. Auch diese Rede ist so automatisiert und einem als gültig akzeptierten Code verpflichtet, dass kein Zeitzeuge ausreicht, um die Vorstellung, nicht „ganz normale Deutsche“ (Christopher Browning), sondern irgendwelche Ekel-Aliens vom Planeten SS hätten die europäischen Juden ermordet, auszuräumen. Das Betrübliche am deutschen Journalismus ist seine uneingeschränkte Bereitschaft, in Schablonen zu reden, nachzuplappern, sich freimütig aus dem großen Baukasten der “Versatzstücke zu bedienen”:http://theeuropean.de/martin-eiermann/6629-abschreibejournalismus-kommt-in-mode und Abstraktionen nicht mehr auf das zu untersuchen, wovon sie (aus z.B. politischen Gründen) abstrahieren. Die NS-Diktatur, der freie Westen, unsere Hauptstadt: das ist höchstens die halbe Wahrheit. Zu bestehen wäre freilich auf der ganzen; dann wär’ bei mir auch wieder Ordnung.

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