Chronik eines angekündigten Lebens

von Stefan Gärtner27.01.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

In Sachen Facebook: Die totale Welt hat gewonnen, wo sich die Leute darum reißen, Öl im Getriebe zu sein.

Facebook verpflichtet seine Nutzer neuerdings auf das Anlegen einer sogenannten Chronik, eines potenziell kompletten Event-Lebenslaufs, wie „Spiegel online“ zusammenfasst: „Wer wann was gemacht hat, sich wie entwickelt und in welcher Phase seines Lebens wie viele Menschen kennengelernt hat, das wissen zukünftig nicht nur Zuckerbergs Datenexperten, sondern im schlimmsten Fall der ganze Facebook-Freundeskreis …

Hilfe bei der Selbstdarstellung

Aber diese Transparenz hat auch ihre Vorteile: Sie öffnet Einblicke in anderer Leute Leben und hilft bei der Selbstdarstellung. ,Mit der Chronik können Facebook-Nutzer individueller als bisher zeigen, wer sie sind‘, wirbt Facebook“ – das weiß ich aber längst: Facebook-Nutzer sind Leute, die nichts dabei finden, sondern sogar Spaß daran haben, ihr Leben publikumswirksam „nach sogenannten Lebensereignissen [zu] kategorisieren […]: ,Geburt‘, ,Neue Arbeitsstelle‘, ,Neues Kind‘, ,Neues Hobby‘, ,Gewichtsverlust‘, ,Tätowierung‘, ,Piercing‘, ,Erster Kuss‘ gibt Facebook zum Beispiel als Kategorie vor“, damit es ja gelinge, eine „perfekt nach Interessen sortierte, höchst persönliche Umgebung für zielgerichtete Werbung“ zu schaffen. Dieses Bedürfnis, die halbe Welt mit den Fotos seiner Piercings oder der neuen Kinder beim ersten Kuss zu behelligen, werd’ ich nie verstehen; aber ich bin ja auch der circa einzige Mensch auf der Welt, der im Zug sein Mobiltelefon auf stumm schaltet. Früher hat man Lebensläufe geschrieben, weil man musste, denn das Leben, heruntergebracht auf die Abfolge von Bildungsabschlüssen, Praktika und sonstigen karriererelevanten Erfolgen, war ja gar nicht das Leben, sondern nur der Teil, der dem zukünftigen Arbeitgeber überlassen werden musste, leih- und zwangsweise – vorbei.

Verlust der Trennlinie

Den Verlust der Trennlinie zwischen Beruf und privat, zwischen innen und außen, intim und öffentlich hat, wenn auch weniger von materialistischer als von semiotischer Warte aus, vor dreißig Jahren Baudrillard schon ausgemalt, und wenn man jetzt das große kritisch-theoretische Besteck wieder auspacken wollte, dann müsste man anmerken, dass „Selbstdarstellung“ in Zeiten von Facebook, als mutwillige und öffentliche Eventisierung des eigenen Lebens, heißt, sich dem Verwertungszusammenhang umfänglich und freiwillig auszuliefern. Es sind dies womöglich dieselben Leute, die sich einen „Bitte keine Werbung“-Sticker auf den Briefkasten kleben und beim Feierabend-Rioja über Burnout und die Zudringlichkeiten des Globalkapitalismus klagen; aber dann, um im Bild zu bleiben, per Facebook mitteilen, sie trügen kein Höschen unterm Rock. Um dann Werbung für Leibwäsche zu kriegen. Man mag’s nicht immer wieder sagen, aber Schamverlust und Schwachsinn sind, mit Freud, Geschwister. Ob sich die „Piraten“, für die alles entweder Transparenz oder gar nicht ist, das mal überlegt haben? Deren Frontfrau, „die schöne Piratin“ („Bild“) M. Weisband, macht jetzt jedenfalls, nach einem Jahr Politik, erst einmal ein Jahr Pause von der Politik, weil sie insgesamt mal wieder ihre Ruhe brauche; indes soll sie aber schon getwittert haben: „Ich bin nicht gone!“ Natürlich nicht; wär ja auch zu schade, wenn die Totalität der verwalteten Welt Schaden litte.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten machen linke Berichtserstattung

Zur Studie des Reuters Institute, wonach die öffentlich-rechtlichen Sender lediglich eine Minderheit der Bevölkerung erreichen, die sich darüber hinaus links der Mitte verortet, erklärt der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland.

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Der Klassenkampf hat gerade erst begonnen

Es ist hohe Zeit zu begreifen, dass der linke Zeitgeist brandgefährlich ist. Jene, die das, was sie für das Gute halten, wie eine Monstranz vor sich her tragen und unermüdlich die Welt verbessern wollen, lassen alle Hemmungen fallen, wenn sie feststellen müssen, dass es Andersdenkende gibt.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Greta Thunberg ist eine grüne Koboldexpertin

Tag für Tag verkünden uns Marionetta & Co. mit ernster Miene, dass das Ende der Welt bevorsteht, wenn nicht endlich, endlich, endlich die Forderungen einer schwedischen Schulschwänzerin und einer grünen Koboldexpertin eins zu eins in die Tat umgesetzt werden - sprich: Wenn unser aller Leben nich

Mobile Sliding Menu