Lügen und andere Kleinigkeiten

von Stefan Gärtner20.01.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Alles Lüge? Natürlich. Geht schließlich nicht anders.

Lügen ist menschlich. Das gibt es gar nicht, dass einer nicht lügt, und sei es bloß in der schwachen, freundlichen Form des Schwindels: Nein, Schatz, du kriegst keine Perlenkette zum Geburtstag, wie kommst du denn auf so was? Die Lüge ist eine gattungsgeschichtliche Konstante, als Funktion von Angst, ohne die wiederum Evolution nicht zu denken ist: Nur was Angst hat, flieht, und nur was flieht, überlebt und streut seine Gene. So wie die Angst gehört die Lüge, als Flucht vor den Konsequenzen der Wahrheit (und bestünden jene auch bloß in einer aufgeflogenen Geburtstagsüberraschung), zum Leben, übrigens auch zu dem von Primaten.

Hauptinstrument der Macht

Die Lüge kann im Rahmen des survival of the fittest – was, notabene, das Überleben nicht des Stärksten, sondern des am besten Angepassten ist – als quasi-evolutionäres Instrument gelten: Ein Vorteil ist ein Vorteil, und Moral ist keine Naturkonstante. Wer lügt und damit durchkommt, ist, sub specie naturae, im Recht, ein Gedanke, der so irritierend und unheimlich ist, dass er zum beliebten Spielstoff für Literatur (Dürrenmatt, „Justiz“) und Film (Woody Allen, „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“) hat werden müssen. „Bewusste, vorsätzliche Lügen“, lesen wir bei Wikipedia, „stellen in der Psychotherapie oft ein großes Problem dar. Léon Wurmser (1999) machte auf das Problem der institutionellen Verankerung der bewussten Lüge aufmerksam. Als Beispiele nennt er Krankenhäuser, Universitäten sowie Politik und Wirtschaft. Er habe viele Patienten, bei denen das Lügen eine Gewohnheit sei … Er selbst habe kaum je in einer Institution gearbeitet, wo das Lügen nicht zu einem Hauptinstrument der Macht, der Administration, geworden sei und die Weigerung, daran teilzunehmen, als Schwäche oder gar als Verrat behandelt worden wäre. Gewöhnlich werde nicht bedacht, dass kein Vertrauen in einer Gesellschaft möglich sei, in der Täuschung und Lügen geduldet, ja gepriesen werde und sich ein Abgrund des Misstrauens, ein paranoider Stil öffne, wenn das Ausmaß der Unwahrheit eine gewisse Schwelle überschreite.“ Was aber Wurmser u.U. nicht bedenkt, ist, dass gerade die institutionelle Lüge den Vorteil hat, unter Umständen gar nicht als solche in Erscheinung zu treten, weil die Institution darüber bestimmt, was als Wahrheit zu gelten hat. So gilt es weithin als ausgemacht, dass bürgerlich-parlamentarische Demokratie und Freiheit dasselbe seien, und noch jedes Ost-West-Mauerschützen-Movie wird mit der Beschwörung der „Freiheit“ beworben, die diesseits der Grenze glänzend gewartet habe. Dass diese Freiheit, spätestens seit der Agenda 2010, u.a. darin besteht, dass bei Daimler-Benz, wie am Mittwoch im ZDF zu erfahren war, Leiharbeiter beschäftigt sind, die nicht bei Daimler-Benz, sondern bei Subunternehmern auf der Lohnliste stehen und deshalb, für die gleiche Arbeit, unter acht Euro brutto verdienen (was den für die Unternehmensleitung angenehmen Nebeneffekt hat, dass die regulär beschäftigten Arbeiter sehen, dass es auch ganz anders geht), wird nicht als Widerspruch empfunden, warum auch: Die Lüge, dass das Freiheit sei, ist ja institutionell fest vertäut, und wer das Gegenteil sagt, ist, wenn man gewissen Lesern des European glauben darf, so was wie ein Gulag-Kommandant.

Die Mehrheit profitiert

Ich muss im Moment viel Bahn fahren, und an den Bahnhöfen (nicht nur da, aber da seh’ ich es) wirbt die Bundesregierung großformatig damit, dass noch niemals in der bundesdeutschen Geschichte mehr Menschen in Lohn und Brot gestanden hätten. Dass dieser Lohn, wie selbst ZDF-Konsumenten wissen können, für eine wachsende Zahl von Menschen nur fürs Brot und sonst nichts reicht, sagt das Plakat freilich nicht. Wie hieß es oben? Wenn das Ausmaß der Unwahrheit eine gewisse Schwelle überschreitet, ist das Vertrauen ins System perdu. Andersrum wird ein Schuh draus: Das Vertrauen ins System beruht gerade darauf, dass es die Lüge, auf der es beruht, möglichst unsichtbar hält; und solange eine Mehrheit von dieser Lüge profitiert, ist die Mehrheit, das Gesetz der Natur angelegt, im Recht. Das Gegenteil dieser Moral der Natur – derselben Natur, von der ein kluger Mann einmal gesagt hat, sie sei der größte Faschist – wäre freilich Zivilisation.

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