Zum Fremdschämen

von Stefan Gärtner6.01.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Gegen die moralstarke Skandalmaschine, die sich an sich selbst berauscht, hat Christian Wulff keine Chance. Ein guter Grund zu hoffen, dass er bleibt.

Unsere Hündin ist schon alt, und trotzdem hat sie die Nase immer wieder im Gebüsch, darunter einen alten Döner oder eine Pommestüte von vorgestern hervorzuziehen: ein gefundenes Fressen weckt die Instinkte. Und solange das noch geht, machen wir uns um die Kleine, auch wenn sie täglich krummer wird (und ihren Kopf neuerdings zwischen die Rippen des Heizkörpers steckt, weil das so schön warm ist), keine Sorgen.

Die vierte Gewalt steht voll im Saft

Für den politischen Journalismus in Deutschland gilt dasselbe. Solange er noch die Kraft und die Übersicht hat, in dem Versuch eines weitgehend machtlosen Bundespräsidenten, einen der mächtigsten Männer des Landes, den „Bild“-Chef Diekmann, per Drohanruf von der Veröffentlichung eines unliebsamen Artikels abzuhalten, nicht eine amüsante Groteske, sondern eine unerhörte Beschädigung der Pressefreiheit zu sehen – einer Freiheit, die sich z.B. am 5. des Monats in „Bild“-Schlagzeilen wie „Sinead O’Connor: Liebescomeback“, „Zerstückelte Leiche: Hat der Killer auch ihn zersägt?“ oder „Freier Vergewaltiger ermordet Nachbarin“ manifestierte –, solange steht die vierte Gewalt noch voll im Saft. Man möchte meinen, Angela Merkel habe den Taliban das Passwort fürs Bundeshaushaltskonto verraten oder Dirk Niebel seine minderjährige, nicht angemeldete Putzfrau geschwängert: Im unendlichen Gezeter um einen Präsidenten, der beim Poussieren mit den Schönen und Reichen die Übersicht verloren hat, hält sich eine Skandalmaschine selbst am Laufen. Ein „Waterloo“ fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen erkannten selbst die gemeinhin zurückhaltenden „FAZ“-Beauftragten Hanfeld und Löwenstein, nachdem die Vorsitzenden der Berliner Studios von ARD und ZDF es im Fernsehinterview mit Wulff versäumt hatten, den Delinquenten zu ohrfeigen und mit heißem Pech zu übergießen, und minutiös rekonstruierten die Frankfurter Allgemeinen Journalisten ein Fernsehgespräch, von dem ja bloß die allernaivsten Esel hatten erwarten dürfen, es werde anders laufen, als es gelaufen ist. Die viel grundsätzlichere Frage, warum ein Bundespräsident, der was mitzuteilen hat, bloß zu pfeifen braucht, und der Funk, der darauf besteht, kein Staatsfunk zu sein, springt, wurde immerhin gestreift.

Der ganze Unsinn implodiert

„Kleinlaut“ und „ratlos“ seien sie gewesen, die Kollegen Deppendorf (ARD) und Schausten (ZDF). Das mag damit zu tun gehabt haben, dass die zwei vielleicht ahnten, dass der Skandal, dem man hier so selbstbewusst auf der Spur war, ein viel kleinerer sei, als das Gehupe um „die Würde des Amtes“, die präsidiale „Integrität“ und was der hochmoralischen Anwürfe von Leuten, die ihre Bahncard zum halben Pressepreis beziehen, mehr waren, suggerierte; aber den Experten fürs Unreine muss alles unrein scheinen, damit man den Quark noch eine Weile treten kann. Bevor man sich nämlich wieder mit Gottschalks neuer Show beschäftigen muss. Der ganze Unsinn implodierte sichtlich, als Wulff auf die Frage, warum er seine Urlaube bei seinem Freund Maschmeyer nicht bezahlt habe, von Bettina Schausten wissen wollte, ob sie nach Übernachtungen bei Freunden pro Nacht 150 Euro hinterlasse, und Schausten, damit die Show auch weitergehe, reflexhaft log: Ja. „Wer hier den Rubikon überschritten hat, von dem auf der Mailbox die Rede ist, ist eigentlich keine Frage mehr“ – nämlich Wulff, der die Freiheit der Presse bedroht, aus einer Schnake jederzeit einen Elefanten zu machen. „Zum Fremdschämen, Bundespräsidenten-Azubi, Osnabrücker Puppentheater: Die Medienreaktionen auf Christian Wulffs Fernseh-Interview fallen katastrophal aus“ (Süddeutsche.de). Überraschung. Im Direktvergleich mit solch blinder, sich an sich selbst berauschender Gratisempörung macht der Durchstecher von Schloss Bellevue allerdings eine direkt seriöse Figur.

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