Deutsche Dönermordende Republik

von Stefan Gärtner25.11.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wenn es die DDR nicht gegeben hätte, spätestens jetzt hätte man sie erfinden müssen. Wem sonst kann man das aktuelle Nazitum so nonchalant in die Schuhe schieben?

Da glaubt man immer, es überrasche einen nichts mehr, aber das hat mich dann doch überrascht: dass es mich überrascht hat, dass wer dieses Diskurstürchen geöffnet hat, spät, aber doch.

Bei allem Respekt

„Wieso, so ist da lauter zu fragen“, fragte lauter die “SZ-Journalistin Constanze von Bullion(Link)”:http://www.sueddeutsche.de/politik/ursachensuche-nach-den-neonazi-morden-gift-der-diktatur-1.1196986, die schon so heißt, als habe es die Lauterkeit zu Hause vom Silberlöffel gegeben, „führen ausgerechnet die Kinder ehemaliger Antifaschisten die braunen Truppen an? Nimmt da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern? So wie einst die Rote Armee Fraktion auszog, es den braunen Vätern heimzuzahlen? Die Fragen führen in Familien wie die des Professorensohns Uwe Mundlos, in der es nicht an Grips und Ordnungssinn gefehlt haben soll … Zugegeben, genau weiß man es nicht, die Familie schottet sich ab“, um der Westjournalistin nicht den nötigen Raum zum Rumspekulieren zu nehmen. „Bei allem Respekt, den auch Angehörige eines Mörders verdienen: Sie müssen sich fragen lassen, ob sie bei der Vermittlung menschlicher Werte, von Mitgefühl, auch Emotion, nicht versagt haben, mit verheerenden Folgen.“ Bei allem Respekt, den auch Angehörige der Journaille verdienen: Sie müssen sich fragen lassen, ob es nicht unverschämt sei zu unterstellen, dass es Familien von Mehrfachmördern am Schuldgefühl fehle. „Sie wären nicht allein damit. Familie, das war wichtig in der DDR, Zuflucht vor staatlicher Drangsal, noch öfter Hort ideologischer Schulung.“ Also wie nun: Familie als Zuflucht vor staatlicher (und also ideologischer) Drangsal oder als deren Hort? Oder spielt das keine Rolle, solange man nur irgendwie die DDR als Dönermörderstaat haftbar machen kann? „Wer diese Welt im Rückblick betrachtet, stößt bisweilen auf eine erstaunlich niedrige Betriebstemperatur bei der Aufzucht des Nachwuchses. Nein, jetzt kommt nicht die Töpfchentheorie, auch kein Lamento über arbeitende Mütter und moralischen Verfall. Die Spurensuche führt“, wiederum: Überraschung, „zu Tugenden, die schon die erste deutsche Diktatur zusammenhielten: Überhöhung der Gemeinschaft, Einordnung in autoritäre Denkmuster, ins große Ganze, für dessen Erhalt persönliche Überzeugungen, weichliche Emotionen und Skrupel zurückzustellen waren.“ Dieses große Ganze, es sei daran erinnert, orientierte sich allerdings eher am proletarischen Internationalismus, also an der Überzeugung, dass das nationale, schlimmstenfalls nationalistische Staatengewurschtel nicht im Interesse der Werktätigen sei und also, jedenfalls langfristig, im Sinne freier Assoziation abgeschafft gehöre. Das, was Frau v. Bullion die erste deutsche Diktatur nennt, war von derlei menschheitsbefreiendem Gedankenwerk so wenig angetan, dass sie alle, die ihm anhingen, ins KZ steckte, was die sagenhafte Gemeinsamkeit von Rot und Braun dann doch etwas weniger eklatant erscheinen lässt. Überhaupt wiese die Bereitschaft zur Indoktrination des realsozialistischen Nachwuchses – und es ist nicht zu bestreiten, dass es sie gab, es gibt sie im freien Westen freilich genauso, z.B. via „Süddeutsche Zeitung“, wo, in mitfühlender Emotion, sozialistische Erziehung egalweg zur „Aufzucht“ wird – schon eher auf eine erhöhte pädagogische Betriebstemperatur hin, aber das sind halt die Skrupel im Sprachlichen, die auch im Westen gern mal fehlen.

Seit wann sind wir fertig mit der Aufarbeitung?

„Dass … das Trio aus Jena so lange nicht aufflog“, ist also weniger dem mehr oder minder mutwilligen Versagen der zuständigen Behörden, sondern „der Verschwiegenheit der ostdeutschen Gesellschaft zu verdanken. Wo Familien – wie im Westen nach dem Krieg – über persönliche Verstrickung nicht sprechen, wo Regierungen die unbequeme DDR-Aufarbeitung für erledigt erklären, bevor sie das Private erreicht, schleicht das Gift der Diktatur in die nächste Generation. Der Westen hat längst das Interesse verloren. Jetzt ist die Rechnung dafür gekommen.“ Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll: Die unbequeme DDR-Aufarbeitung ein erledigter Fall, seit wann das denn? Gibt es die Stasi-Akten-Behörde denn nicht mehr, hat sie nicht erst mit Roland Jahn einen entschlossenen Antikommunisten als Chef bekommen? Und unbequem, für wen? Für Millionen Ostdeutsche, die es eventuell leid sind, dass bequeme Westler bei jeder Gelegenheit ihr totalitarismustheoretisches Mütchen an ihnen kühlen? Und ist die „Verstrickung“ eines SS-Mannes in zehn- und hunderttausendfachen Massenmord tatsächlich dasselbe wie die eines Offiziers des MfS, der Wohnungen von Dissidenten verwanzt hat? Und hat wirklich die DDR die „Verlierer“ (Bullion) geschaffen, die jetzt unter verhaltener staatlicher Anteilnahme Ausländer erschießen, oder waren sie vielleicht erst dann welche, als der Westen kam, DDR-Biografien mit dem Opfer-/Täter-Stempel ungültig machte und die Definition von gewinnen und verlieren neu formuliert hat? So viele Fragen. Immerhin wissen wir, dass es dem freien Journalismus nichts ausmacht, wenn seine Betriebstemperatur mal ein bisschen niedrig ist.

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