Messer in der Hose

Stefan Gärtner11.11.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Iran hat bald eine Atombombe. Das hat mit strategischer Vernunft nicht viel zu tun; oder jedenfalls weniger als mit freudianischen Komplexen.

Iran “hat jetzt also die Atombombe”:http://theeuropean.de/christian-boehme/8790-irans-atomwaffe-und-kriegsgefahr; oder jedenfalls so gut wie. Naive Menschen wie ich, fragen sich in solchen Fällen immer: Wozu? Erster Grund: Israel von der Landkarte radieren. Keine überzeugende Idee, denn dass Israel vor seinem eigenen Untergang noch ein paar persische Spinner mitnehmen wird, dürfen wir unterstellen. Dass die Hirnverbranntheit dieser Spinner nun aber so groß wäre, die Hälfte des eigenen Landes zu opfern, bloß um die Existenz eines anderen zu beenden (und wirklich einfach bloß zu beenden), wollen wir fürs Erste einmal nicht annehmen.

In den Himmel ragende Nuklearphalli

Zweiter Grund: Eine gefürchtete, respektierte Hegemonialmacht werden. Ist Iran aber schon. Spätestens seit der Irak als regionaler Antipode ausgefallen ist, gibt es keine ernsthafte Konkurrenz mehr, denn die Türken schauen nach Westen, und Saudi-Arabien ist nun wirklich von vorgestern. Außerdem beweist das Beispiel Deutschlands, dass man auch ohne Nuklearbewaffnung eine gefürchtete, respektierte Regionalmacht sein kann. Dritter Grund: Um erpressen zu können. Aber Iran ist nicht Nordkorea, das Land hungert nicht, die Geschäfte mit dem westlichen Ausland laufen gut, und seit der alte deutsche Außenminister Kinkel die Phrase vom “„kritischen Dialog“”:http://www.zeit.de/1995/47/Der_kritische_Dialog_muss_weitergehen in den Diskurs entlassen hat, sind jedenfalls Menschenrechte dafür kein Hindernis. Und über Erpressungspotential (und zwar ein unvergleichlich wirksames) verfügt ein erdölförderndes Land wie Iran sowieso. Die Lust auf Sanktionen angesichts der iranischen Atombombe hält sich im Westen deswegen auch in Grenzen. Vierter Grund (und jetzt „kommt’s“): Exhibitionismus. Man muss nicht ergebener Freudianer sein, um die Freude von Potentaten (und nicht nur denen) an in den Himmel ragenden Nuklearphalli auffällig zu finden. Die iranische Atombombe ist so gut wie sinnlos, wenn wir sie nicht als Funktion der allgemeinmenschlichen (korrigiere: allgemeinmännlichen) Schwäche für die Machtdemonstration als solche begreifen. Nationale Begeisterung für die Wehr in Atomwaffen als Kitt für die auch in islamischen Theokratien wie Iran virulenten Klassenspannungen – sowieso. Frisches Futter für einen militärisch-industriellen Komplex, der auch in Teheran west und Zukunft wittert – geschenkt. Aber ein irrationales Moment eignet dem primitiven Beharren auf der Bombe unbedingt und jedenfalls immer da, wo es all die Gründe nicht gibt, die in der Vergangenheit gut waren, um eine Bombe haben zu müssen und die, wenigstens im weitesten Sinne, etwas mit Verteidigung zu tun hatten (und sei es nur einer Vormachtstellung). Was Iran verteidigen möchte, erschließt sich dagegen nicht. Die einzige Atommacht in der Region, Israel, hat in 35 Jahren iranischen Mullah- und Tod-den-Juden-Geweses von ihrem Monopol keinen Gebrauch gemacht, und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie es in Zukunft vorhätte. Hegemonialkriege führt man heute mit der Wirtschaft, nicht mehr mit dem Panzer, und dass atomare Bewaffnung den Stolz des Volkes nicht so lange beschäftigen kann, dass es darüber seine Unzufriedenheit vergisst, hat das Ende der Sowjetunion illustriert.

Man kann, wenn man will

Also, noch einmal: Warum? Wirklich bloß, um den Nachbarn, um der Welt mitzuteilen, wie potent man ist? Dass man kann, wenn man nur will? Komplexe? Es ist für einen, der es gewohnt ist, die Welt materialistisch zu erklären (und damit ja auch meistens recht hat), nicht leicht, im Einzelfall zu konzedieren, dass sich der Einzelfall womöglich nur erklären lässt, wenn man „das Gesetz des Unsinns im gesamten Haushalte der Menschheit“ (Nietzsche) heranzieht: Dumm geht immer, noch dümmer auch, und „zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen vielleicht am schwersten zu begreifen sind, gehört die Eitelkeit“ (ders.). Es wird noch soweit kommen, und der Mittlere Osten löst sich in Rauch auf, weil Ahmadinedschad mit seinem Mahmud nicht zufrieden ist.

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