Gott ist tot

von Stefan Gärtner7.10.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Der Messias ist gestorben – und wie alle Religionen wird die um Apple die Menschheit erretten.

Ich weiß, ich bin von gestern. E-Books interessieren mich nicht, mein Laptop ist ein mehrpfundschweres Arbeitsgerät (gebraucht gekauft), und wenn es nicht wieder die reine Erfindung von Trendjournalisten ist, junge Leute interessierten sich nicht mehr für das Auto (nämlich die in New York und Berlin, wo man halt auch keins braucht), dann hänge ich, als geborenes Landei und alter Sentimentalist, an meiner mehr oder minder achtsam restaurierten Mühle aus der Kohl-Ära, ein Anachronismus, ein teurer obendrein, aber ein schöner.

“Größter Philosoph unserer Zeit”

Derlei ist nun freilich von gestern, und auf meinem Flug in den Urlaub las ich ein sehr aufschlussreiches Interview mit einem Autodesigner, der, ehrlich betrübt, beklagte, dass den Autodesignern bzw. den sie beauftragenden Firmen nichts mehr einfalle außer brutal und/oder retro, was einen völligen Mangel an Optimismus und Vision ausdrücke. Wo die DS von Citroën oder der erste Golf noch Statements gewesen seien und eine auch gesellschaftliche Fortschrittserwartung dokumentiert hätten, seien zeitgenössische Autos bloß noch ein ad infinitum verlängertes Beharren auf einem vermeintlich cooleren Gestern oder einem vulgärkapitalistischen Weiter so, mithin in Blech gefasste Regressionswünsche; Ausdruck von Ratlosigkeit. So viel ist richtig, dass designerische Statements, die tatsächlich Zukunft formulieren, nicht mehr von VW, sondern von Apple kommen, was allerdings nicht automatisch heißt, dass alle, die Steve Jobs nach dessen Tod erst recht als Guru feiern, ja als „Weltverbesserer“ und „größten praktischen Philosophen unserer Zeit“ (Spiegel Online, wer sonst), nicht trotzdem einen an der Waffel haben. Design bestimmt das Bewusstsein: Wer in Downtown Manhattan eine Stunde in einem Straßencafé zubringt und die Hipster zählt, die ihr iPhone wie ein Schmuckstück vor sich her tragen (in der anderen Hand den ähnlich unverzichtbaren, weil bereitwillige Flexibilität und unermüdliche Urbangesinnung ausdrückenden To-go-Eis-Latte von Starbucks), wer an die Schlangen vor Apple-Filialen denkt, sobald das jeweils neuste Apple-Multifunktions-Telefoniergerät offeriert wird, und an die entrückten, wie vom Strahl der Erleuchtung getroffenen Gesichter derjenigen, die es schließlich erstanden haben, wer in einem deutschen öffentlichen Verkehrsmittel das unablässige Smartphone-Gefinger beobachtet und, in einem sogenannten Ruheabteil der Bahn, zu dem Schluss kommt, die von der Piratenpartei vollumfänglich geforderte „Transparenz“ bestehe, auch ohne Facebook, möglicherweise hauptsächlich darin, über die Angelegenheiten wildfremder Menschen ständig lautstark ins Bild gesetzt zu werden, der kann den Widerspruch zwischen dem Segen der Computer- und Kommunikationstechnik einer- und den ihr angeschlossenen Regressivismen andererseits kaum übersehen; von der simplen Tatsache, dass auch dieser Wohlstand, über billige Rohstoffe und billige Arbeitskraft, von anderen bezahlt wird, wiederum zu schweigen.

Der Papst der Säkularisierten

Das wird die ergonomische Computertastatur, vor der ich hier sitze, freilich auch, und wer von Warenfetisch spricht, der kann vom Automobil, und sei es noch so alt, nicht schweigen; die Schöpfer des erwähnten ikonischen Citroën, der für Roland Barthes ein „magisches Ding“ war, kennen aber nur Eingeweihte, Steve Jobs hingegen ist so was wie der Papst der Säkularisierten, die in ihren Nachrufen, in Ermangelung irgendeiner anderen, immer und immer wieder dessen „Philosophie“ feiern: “„Eure Zeit ist begrenzt. Vergeudet sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lasst euch nicht von Dogmen einengen – dem Resultat des Denkens anderer. Lasst den Lärm der Stimmen anderer nicht eure innere Stimme ersticken. Das Wichtigste: Folgt eurem Herzen und eurer Intuition, sie wissen bereits, was ihr wirklich werden wollt. Alles andere ist zweitrangig.“”:http://news.stanford.edu/news/2005/june15/jobs-061505.html Wenn aber die Leute nicht diese unbändige Lust hätten, einen Gutteil ihrer begrenzten Zeit mit Gadgets zu verplempern und das Leben nach den Vorstellungen und den Denkresultaten eines anderen zu leben, denen von Steve Jobs nämlich, der, wie seine Werbeabteilung auch, viel genauer wusste, was die Leute wirklich werden wollen, als diese es selbst nur ahnen, dann gäb’s die ganzen Nekrologe nicht, die zwischen einem großen Konstrukteur und dem Retter der Welt nicht unterscheiden wollen. Und von einer Dialektik der Aufklärung halt auch noch nie was gehört haben.

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