Das Datum

von Stefan Gärtner9.09.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Nichts ist so weltbewegend, dass es in unseren massenmedialen Zeiten nicht über kurz oder sehr kurz zum Entertainment verkommt.

Ich fürchte, ich hatte nicht recht aufs Datum geschaut, als ich den Flug buchte. DAS DATUM. Erst bei einem Spaziergang mit Freunden, die mich zu meinen Urlaubsplänen befragten, war ich, der ich meinen Urlaubskalender (wie noch überhaupt einen, ich bin da eher liederlich) weder dabei noch im Kopf hatte, nicht mehr sicher, ob meine Reise nach New York nicht an DEM DATUM beginnen würde, das, “wie nicht nur The European findet”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/7925-zehn-jahre-9-11, „das einschneidendste Ereignis für die Weltgemeinschaft nach dem Fall der Berliner Mauer“ markiert.

An die lieben Leser

So einschneidend war das Ereignis gewesen, dass deutsche Illustrierte im Jubiläumsjahr 2011 bereits im Frühling damit begannen, die ewig gleichen Schreckensbilder, die DAS DATUM produziert hatte, zum werweißwievielten Male in den Vierfarbtiefdruck zu geben, und zum werweißwievielten Male war ich froh, kein Illustriertenjournalist zu sein und mir spätestens alle zehn Jahre einen neuen Dreh für die Jubiläumsberichterstattung ausdenken und etwa Überbleibsel von Toten zeigen zu müssen, Polizeimarken, Brieftaschenfotos oder was sonst so überbleibt, wenn einen ein Wolkenkratzer unter sich begräbt. Wie muss das sein, unter einem Wolkenkratzer begraben zu werden und von seiner Wolke hernach mitansehen zu müssen, wie der eigene Leichnam regelmäßig durch die Sensationspresse geschleift wird? Unter professionell geheuchelten Betroffenheitsadressen, die nicht für die Hinterbliebenen, sondern für ein Heer von deutschen Illustriertenlesern verfasst sind? Und wie muss das sein, derlei obszönen Scheißdreck immer und immer wieder verzapfen zu müssen? Schlimmstenfalls als Nichtalkoholiker? Nun ja. „Die Dinge sich räumlich und menschlich ,näherzubringen‘ ist ein genauso leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen wie es ihre Tendenz einer Überwindung des Einmaligen jeder Gelegenheit durch die Aufnahme von deren Reproduktion ist“, heißt es bei Walter Benjamin. „Die Entschälung des Gegenstandes aus seiner Hülle, die Zertrümmerung der Aura, ist die Signatur einer Wahrnehmung, deren ,Sinn für das Gleichartige in der Welt‘ so gewachsen ist, dass sie es mittels der Reproduktion auch dem Einmaligen abgewinnt.“ An DEM DATUM leichten Herzens zu einer Urlaubsreise in die Stadt aufzubrechen, die das Opfer des an DEM DATUM Verbrochenen wurde, ist nicht schwer, wenn man sich vor Augen hält, dass es der medial verhökerten Jahrhundertereignisse so viele gibt, dass sie für alle, die von ihnen nicht unmittelbar betroffen sind, zu bloßen Data werden und mit jeder Reproduktion zum Teil des nimmermüden Entertainments. Die brennenden Twin Towers – längst Frühstücks- und Wartezimmerlektüre zum Wegblättern, historischer Einschnitt hin oder her; Unterhaltung. Leute springen aus dem 70. Stock eines brennenden Gebäudes, Prinzessin Victoria kriegt ein Kind. Kulturindustrie, sprachen Adorno und Horkheimer, schlägt alles mit Ähnlichkeit. Und wenn alles gleich gilt, wird alles gleichgültig.

„Die Trauer geht mich nichts an“

Wenn ich mit meiner Frau im Airbus sitze und, weil man in Flugzeugen ja doch nicht viel Vernünftiges tun kann, vor mich hindöse, werde ich mir eine Welt vorstellen, in der Jubiläen historischer Einschnitte (und DAS DATUM war ja zweifelsfrei einer) gewürdigt und nicht per Bildstrecke und DVD-Beileger verramscht werden. Nach der Landung, die, wie sich mit einem Blick auf die Buchungsbestätigung rasch herausstellte, dann doch am Tag vor DEM DATUM ist, werden wir im New Yorker Stadtbezirk Queens wohnen; und Queens, wenn es irgend geht, am DATUM nicht verlassen. Das Jubiläum, wo es tatsächlich von Betroffenen begangen wird, geht mich nämlich nichts an. Ich geh ja auch nicht auf anderer Leute Beerdigung, um mich an deren Trauer zu weiden. Darüber sollten wir alle mal in Ruhe nachdenken. Zeit genug ist, denn bis zum nächsten (ungraden) Zäsursjubiläum am 7. Oktober (wer weiß es?) macht die Revolution, soweit ich sie vertrete, Urlaub. Venceremos, hasta luego!

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