Nationale Weltmeisterschaft

von Stefan Gärtner1.07.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Frauenfußball gibt’s nur in Schwarz-Rot-Gold oder gar nicht – also muss ich, als Fußballfan, diese Form gesteuerter Massenbegeisterung leider ablehnen.

Zwar kenne ich meine Frau nun doch schon eine ganze Weile, aber erst jetzt kann ich ehrlich sagen: Ich kann sie verstehen. Ihre Abneigung gegen fußballpatriotische Aufmärsche aller Art hatte ich bislang noch durch den Hinweis dämpfen können, dass es durchaus etwas wie Fußballpatriotismus gebe, dass viele Linksintellektuelle, denen man ihre Distanz zu allem Nationalen unbesehen abkaufen kann, begeisterte Länderspielfreunde und Nationalmannschafts-Adoranten sind, und wenn der der falschen, nämlich nationalen Haltung völlig unverdächtige Klaus Theweleit ein selbsterklärter „Fußballpatriot“ ist, dann darf man es jedenfalls sein; und ich bin’s ja sowieso.

Ein Anlass ohne Grund

Wenn meine Frau jetzt aber, angesichts von in Schwarz-Rot-Gold ertrinkenden Frauenfußball-Fanmeilen und Public-Viewing-Plätzen und dem notorischen, von Springer aus den üblich trüben Gründen angeheizten „Schland“-Schwachsinn die Stirn runzelt und circa „das Kotzen kriegt“, dann weiß ich weder, wie ich das entkräften kann, noch, ob ich das überhaupt entkräften will; denn mir wird schlicht unheimlich bei einer Begeisterung, die auf nicht mehr zu fußen scheint als dem kollektiven Beschluss, jetzt begeistert zu sein. Der „FAZ“-Sportredakteur Michael Horeni hat, nicht als Einziger, hingewiesen auf die bis zum Anschlag offene Schere zwischen dem ausgestellten Deutschland-Fantum und der weitgehenden Wurzellosigkeit dieser Begeisterung: Während jeder Fußballfreund der alten Schule nicht nur selbstverständlich seinen Lieblingsverein hat, sondern, nachts um vier geweckt, seine drei bis zwanzig größten, denkwürdigsten Fußballmomente hersagen kann, also über eine Fußballbildung verfügt, die sich aus zahllosen Erinnerungen aus einem mit dem Fußball verbrachten Leben, im Guten wie im Schlechten, speist, dürfte das Gros derer, die, ob männlich oder weiblich, in den Stadien die Kurven füllen und, horribile dictu, Party machen, nicht einmal wissen, welche Vereine in der Frauenfußball-Bundesliga spielen. Die Begeisterung, dies die These, hat nur einen Anlass, aber gar keinen Grund, sie hat etwas zutiefst Autosuggestives, Abgerufenes und also Abrufbares – die Sturheit, mit der die Medien auch diesmal wieder die patriotische Phrase vom „Sommermärchen“ verbreiten, und zwar so lange, bis sie am Ende selbst dran glauben, lässt sich mit ihrem Informationsauftrag nicht mehr erklären: Staatsfunk auch dies. Und dass es aber so reibungslos funktioniert, dass ein halbes (oder wenigstens achtel) Volk in Raserei zu bringen ist angesichts eines Sports, den mit Horeni Randsportart zu nennen nur die Tatsachen abbildet – zwar spielen mittlerweile eine Million Mädchen und Frauen in Deutschland Fußball, der Zuschauer(innen)schnitt in der Bundesliga liegt aber lediglich bei 800 –, darf alle beunruhigen, die wissen, dass sich Masse und Macht nicht zufällig stabreimen.

Wäre ich Frauenfußballerin, ich käme mir benutzt vor

Damit sei nichts gegen den Frauenfußball gesagt, und auch bei den Männern wird man sich dem Dilemma aussetzen müssen, dass Begeisterung für eine Nationalmannschaft ohne das Nationale nicht zu haben ist; aber, noch einmal: Die Nationalmannschaft der Männer könnte man morgen abschaffen, und die Bundesligastadien wären in acht Wochen trotzdem voll. Diese Basis hat der Frauenfußball nicht, nicht einmal annähernd. Was die Leute am Frauenfußball interessiert, ist der Vorwand, den er zu nationalem Partytaumel liefert; je weniger daran der Fußball verantwortet, desto fragwürdiger, desto abstoßender auch. Wäre ich Frauenfußballerin, ich käme mir benutzt vor.

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