Krokodilstränen

von Stefan Gärtner24.06.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Berliner Mauer wird 50, und ab sofort dürfen einen Sommer lang Tränen fließen. Dass gleichzeitig Tausende beim Versuch sterben, illegal in die EU zu kommen, ist aber etwas völlig anderes.

Vergangene Woche fiel der Startschuss für den „Sommer des Mauergedenkens“. Hauptstadtbürgermeister Wowereit sprach vom 13. August 1961 als dem „Tag der Schande und der Trauer“, W. Schäuble stellte fest, die Mauer sei zum „sprechenden Zeichen schlechthin für die Grausamkeit und Hilflosigkeit diktatorischer Regime“ geworden. Hans-Peter Friedrich, der Mann vom Innendienst, gab sich originell und nannte den antifaschistischen Schutzwall einen „Offenbarungseid“. Und so der aktuelle Sommer allein aus meteorologischen Gründen nicht recht erfreulich ist, aus politisch-historischen droht er geradezu noch schlechter zu werden. Ein Jammer, dass ich im August nicht verreisen kann.

Lieber tot als rot

Das Ausmaß der Heuchelei wird, wenn nicht alles täuscht, nur schwer zu ertragen sein, denn auch nur der Versuch, den Mauerbau in irgendeiner Weise begreiflich, vielleicht sogar verständlich zu machen, wird mit Sicherheit verraten werden an den Auftrag, den sicheren Schutz der Staatsgrenze West der DDR unter den Bedingungen des Kalten Krieges zur allerhässlichsten Untat des deutschen Kommunismus hochzumöbeln. Denn so die Verantwortlichkeiten für Auschwitz und Stalingrad nach Kräften diversifiziert worden sind – ohne Versailles und den Pazifismus der Westmächte, wir erinnern uns, hätt’s das alles nicht geben müssen –, und sofern man die dunklen 1.000 Jahre nicht eh einfach als „Freak-Unfall der Deutschen“ (Matussek) abheftet, so übersichtlich liegen die Verhältnisse, wenn es um den Mauerbau als reinen Akt der brutalen Bosheit und der zynisch-inhumanen Machtsicherung geht. Dass die DDR ihre Gründe hatte, dass gezielt Fachkräfte aus der DDR abgeworben wurden, dass Ärzte ihr (kostenloses) Studium in der DDR absolvierten, um ihre Kenntnisse im Westen zu vergolden, und dass ostdeutsche Kleinstädte plötzlich ohne medizinische Versorgung dastanden – wer will das noch wissen? Lieber tot als rot. Im freien Westen hingegen darf jeder gehen, wohin er will; es darf bloß nicht jeder kommen, da ist auf Lampedusa Schluss. Das ist der ganze Unterschied. Ein himmelweiter, wenn wir der nationalen Presse glauben dürfen. Wirklich? Die DDR hat mit dem Bau der Mauer ohne Zweifel das Menschenrecht auf Freizügigkeit verletzt, wie es in Artikel 13 Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt ist: „Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen sowie in sein Land zurückzukehren.“ Nun könnte allerdings die Frage erlaubt sein, ob es vor dem Recht auf Freizügigkeit tatsächlich einen Unterschied macht, ob einer nicht hinaus- oder nicht hineindarf: Ich bin nicht gern, wo ich herkomme, und will woanders hin; aber wenn ich nirgends hin darf, ist das Recht wegzugehen wertlos. Die DDR hatte ihr Grenzregime, weil die Unzahl Flüchtlinge ihren (bescheidenen) Wohlstand und ihre Stabilität gefährdete. Die Europäische Union hat ihre Grenzschutzagentur,

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