Ihr sollt nach Hause gehn

von Stefan Gärtner27.05.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Sie sind Akademiker in Elternzeit und planen, mit Ihrem Kind, das noch nicht laufen kann, und Geld, das von anderen Leuten kommt, eine Weltreise zu machen? Überlegen Sie es sich gut: Wenn Sie zu Hause bleiben, haben Sie genau eine Spitzenidiotie weniger zu verantworten.

Die “„Frankfurter Allgemeine Zeitung“(Link) l berichtet dies: „Wer hätte gedacht, dass sich Moscheen mit flauschigen Teppichböden hervorragend als Indoorspielplatz für Krabbelkinder eignen? Wer kennt sich aus mit dem biometrischen Passbild für Säuglinge? Und wer kann eine günstige Auslandsreiseversicherung für Familien mit Baby empfehlen, die nach Neuseeland fliegen? Das sind nur einige der Fragen, die sich immer mehr junge Eltern in Deutschland nicht nur auf der Internetseite nepomuksreisen.de stellen. Denn seit die schwarz-rote Koalition 2007 das Elterngeld(Link) t eingeführt hat, werden so viele Kleinkinder mit auf Reisen rund um den Globus genommen wie wohl nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.“

Immer weiter, immer schlimmer

In meiner Kolumne vom vergangenen Freitag(Link) n hatte ich bereits angemerkt, dass es mir immer schwerer werde, vor dem alltäglichen, umfassenden Unfug nicht den Mut zu verlieren; denn die Katastrophe ist ja nicht allein, dass es immer „so weiter geht“ (Walter Benjamin), sondern dass es immer schlimmer, abgründiger, impertinenter wird. Nun also dies. Der regierungsamtliche, bislang 15 Milliarden Euro teure Wahnsinn, Gutverdiener per Elterngeld zum Kinderzeugen zu animieren (statt dafür zu sorgen, dass Ahmed und Kevin(Link) t ihr Potenzial in wenigstens ähnlicher Weise abrufen dürfen wie Amelie-Theresa und Carl Gustav), ergibt, wie sich zeigt, nun also nicht mehr Akademikernachwuchs, sondern mehr Flugmeilen: „Reisen mit Kind boomen: So spricht man im Berliner Reisebüro ,Prenzlauer 200‘ von einem ,starken Zuwachs‘ bei Abschlüssen von Familien mit Kindern zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Und die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft, Air Berlin, hat nach eigenen Angaben 2010 im Vergleich zum Vorjahr einen Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich bei den unter Zweijährigen verbuchen können.“ („FAZ“) Mag sein, ich bin ein Spießer, aber was haben unter Zweijährige, von dringenden Fällen abgesehen, in einem Flugzeug verloren? Das ja nicht mal eben nach Mallorca fliegt, sondern, wenn schon, nach „nach Chile, Neuseeland, Thailand, Kalifornien“? Warum ist es zu viel verlangt, mit Kindern im Vorschulalter an irgendeine deutsche oder dänische Küste zu fahren? Und warum sind meine Vorurteile immer so beschaffen, dass sie sich ruck, zuck bewahrheiten und die einschlägigen Idioten natürlich wie bestellt Prenzelberger sind?

Aberdumme Selbstverwirklichungsmentalität

Was daran deprimierend ist, ist nicht der Nachweis, dass diese prima Milieus, ganz gegen das Vorurteil, mit Staatsknete genauso verantwortungslos umgehen wie die Hartzler mit dem Flachbildfernseher; das hat man ja durchaus geahnt. Schlimm ist diese aberdumme Selbstverwirklichungsmentalität(Link) , ist dieser überzeugte Juvenilismus, dem in seiner unverbrüchlichen Coolness alles zum egozentrischen Event gerät. Denn natürlich ist es einem Dreijährigen wurscht, ob er in Travemünde oder Malibu am Strand sitzt, aber wer heute ein Gutverdiener mit Metropolenhintergrund ist, der ist mental immer 25 und so irre gut drauf, dass er sich in seinen Ambitionen nicht nur nicht vom eigenen Nachwuchs bremsen lässt, sondern diesen sogar freudig ins Gepäck nimmt, und zwar als Accessoire, das genauso auf den eigenen Weltbürgerstatus hinweist wie der iPod und die richtige Sonnenbrille. Mit dem Unterschied, dass eine Sonnenbrille keinen Reisedurchfall kriegt. „Die Journalistin und Buchautorin Inka Schmeling zum Beispiel hat mit Mann und Kind eine ,Elternzeitreise‘ auf der Seidenstraße gemacht und ein Buch darüber geschrieben. Ihr Sohn mit dem Pseudonym Nepomuk hat ein Viertel seines ersten Lebensjahres auf Reisen verbracht und ist auf einem Kamel durch die syrische Wüste geritten, bevor er laufen konnte.“ Wer hier das Kamel ist, bedarf wohl keiner Erläuterung; und dass gerade die Wunder wie aufgeklärten und unverklemmten Stadtmenschen die rücksichtsfernsten und konsumverblödetesten Anpasser sind, auch nicht. Ihre Freiheit ist die Freiheit des „FAZ“-Wirtschaftsteils, und ihre Interessen sind in der Hauptsache zwei: ausgeben und angeben. „Das Glückliche Bewusstsein – der Glaube, dass das Wirkliche vernünftig ist und das System die Güter liefert – reflektiert den neuen Konformismus.“ (Marcuse, Der Eindimensionale Mensch) Ich weiß nicht, ob selbst die Rede von einer Dimension hier nicht schon beschönigend ist.

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