Mein Kopf gehört mir

von Stefan Gärtner13.05.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die hard? Da es Gottes Hand nicht gibt, besteht auch kein Grund, nicht die eigene anzulegen. Eine Replik.

Dass jetzt auch ich mich noch zum Todesfall G. Sachs äußere, mag man mir als unangebrachten Boulevardausflug ankreiden; aber erstens bin ich ja auch keine dreißig mehr, und zweitens hat mir Sachsens Freischuss imponiert. Ich bin nämlich eher ein Feigling, der gerade mit Entscheidungen seine liebe Not hat, weil er weiß, dass noch die kleinste Entscheidung einen Lebensast unwiderruflich abschneidet. Da darf man einsehen, dass mir die größte aller Entscheidungen, die zum Tode nämlich, als so heroisch erscheint wie dem “Kollegen Kissler(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/6646-gunter-sachs-ist-tot eben nicht.

Daher weht der (religiöse) Wind

„Traurig, nicht heroisch ist diese Alterspanik.“ Nicht einzusehen, warum etwas nicht traurig und heroisch zugleich sein kann. Wer sich opfert, weil er ein Kind aus dem Wasser zieht und dabei selber absäuft oder weil er Juden versteckt und dafür vor dem Volksgerichtshof landet, ist ein Held, und doch ist sein Tod traurig. „Für Gunter Sachs war Menschenwürde an Denkvermögen gekoppelt. Insofern dachte er soziobiologisch. Würde war ihm nicht die unverlierbare Beigabe zur menschlichen Existenz, sondern eine Leistung, die es intellektuell zu verdienen galt, die auch verspielt werden konnte: ein trauriger und verbreiteter Kurzschluss in einer Gesellschaft, die das Gehirn verherrlicht, die Seele verleugnet und den Menschen als Kostenstelle und Genpool missversteht.“ Daher weht also der (religiöse) Wind: dass es eine Seele gebe, die im Zweifel wichtiger wäre als der Intellekt, und dass Selbstmörder, weil sie sich am Seelischen versündigen, nicht auf den Friedhof dürfen. Bei aller gerechten Skepsis gegenüber der neueren, an ihren Rändern übertrieben materialistischen Hirnforschung: Seele ist Bewusstsein, Bewusstsein ist Hirn. Das bedeutet nicht, dass, wer kein Hirn oder einen Hirnschaden hat, deswegen seiner Würde beraubt werden dürfe. Würde, die ja auch Tieren zusteht, ist ganz unabhängig vom Intellekt, sie beginnt allerspätestens mit der Geburt und ist von da an „unverlierbar“. Aber deshalb mit dem Eigenrecht der Seele, die ganz ohne gewisse zerebrale, kognitive Vorgänge existiere, zu kommen, klingt uns aufgeklärten Menschen wie das Kirchenlatein, das es ist. Denn wir denken, also sind wir, und diese Souveränität des Denkens schließt die Entscheidung, die eigene Existenz an den Nagel zu hängen, ein. „Entgeht man dem Feind, wenn man dessen Werk vorauseilend selbst vollbringt? Ist die Flucht in den Tod ein Sieg über lebensmindernde Kräfte? Schlägt der Untergeher dem Untergang ein Schnippchen?“ Seltsam genug, dass ein religiöser Mensch wie Kissler das fragt, war Jesu Tod doch nichts anderes als der selbst gewählte Versuch, dem Untergang im Untergehen ein Schnippchen zu schlagen: „Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er auch stürbe“ (Joh 11,25). Und wer sich vorm heranrückenden Folterkommando lieber aus dem Fenster wirft, weil er weiß, dass es für die zu erwartende Marter keine Gutschrift gibt, die irgendein Herrgott später ausbezahlt, rettet sich selbst das Leben, indem er es vor lebensmindernden Kräften bewahrt.

Das existenzielle Dilemma von Ich und Welt

Autonomie heißt Entscheidungsfreiheit, und wer sich dazu entschließt, eben diese Freiheit, und sei’s über Jahrzehnte hinweg, langsam fahren zu lassen, verdient denselben Respekt wie der, der den Gedanken daran nicht erträgt. Das hat mit den gesellschaftlichen Bedingungen ausnahmsweise nichts zu tun, und gerade Sachs dürfte den Satz, er habe sein Leben in vollen Zügen gelebt, gern unterschrieben haben. Selbst wo das Leben nicht mehr nach seinem Nutz-, sondern seinem Eigenwert berechnet würde und im Bewusstsein, auch als vergehendes, defektes, am Ende hilfloses Leben so respektiert zu werden, wie es jedes Leben verdient, kann es keine Verpflichtung geben, das Privileg der Entscheidungshoheit über das eigene Dasein einzutauschen, schon gar nicht gegen irgendwelche klebrigen, im Dunst von Tapferkeitsüberlegungen siedelnden Vorbildlichkeiten. „Was denken sich wohl neu Erkrankte beim Blick auf die Gstaader Nachrichten? Dass ihr Fall auch ein Fall sein sollte für die Ballistik, nicht für Therapie und Empathie?“ Diesen Schwarzen Peter sollte man aber nicht Sachs zuschieben, der ja nicht darum gebeten hat, sein Sterben auf Zeitungsseiten zu verlängern; und wenigstens im Tod hat ein Mensch alles Recht, das existenzielle Dilemma von Ich und Welt in einem letzten, rigoros egoistischen Akt aufzulösen. „Wer Hand an sich legt“, schreibt Jean Améry in seinem berühmten Essay, „ist auf mörderische Weise … Herr sowohl wie Knecht der Zeit, seiner, der einzigen, von der er noch wissen will, denn jetzt befindet er sich schon im Zustand totaler Ipseität. Was schert mich Weib, was schert mich Kind; was scheren mich Physik und objektive Erkenntnis, was schert mich das Geschick einer Welt, die mit mir versinken wird.“ Niemand hat mich gefragt, ob ich kommen will; warum soll ich um die Erlaubnis bitten müssen zu gehen?

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