Iß cool, Man

von Stefan Gärtner4.02.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Der Ausverkauf der Natur, zweiter Teil: Warum die wohlmeinenden Bücher, die zum anständigen Essen raten, hauptsächlich ihren Verfassern helfen.

Es ist wohl wirklich so, daß der Spiegel (und erst recht sein Online-Ableger) bereits strukturell unrecht hat, d.h. a priori nicht mehr ernstzunehmen ist. Woher ich das weiß bzw. warum ich das glaube? Geben Sie acht: „Jede Mahlzeit ein Alptraum: In ,Chew – Bulle mit Biß’ läßt John Layman einen Ermittler mit besonderen Fähigkeiten auf die Lebensmittelindustrie los – der Mann kann bei jedem Bissen Fleisch schmecken, wie es verarbeitet wurde. Der Comic zur aktuell tobenden Ernährungsdebatte.“ Wem fällt es auf? Ist nicht so schwer, ich helfe trotzdem: “Die aktuell tobende Ernährungsdebatte(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/4455-deutsche-esskultur, sie tobt ja gar nicht; aber unter toben und Alptraum macht es der Spiegel, machen es die meisten Medien ja nicht mehr. Wer z.B. die Süddeutsche Zeitung abonniert hat, darf sich jeden morgen freuen, wie „dramatisch“ alles geworden ist, wie „drastisch“ die Preise steigen (nämlich um ca. 2 Prozent) und das sowieso überall „Chaos“ herrscht, von Ägypten bis zur FDP, aber das ist hier gar nicht das Thema.

Man kann das Thema getrost abhaken

Die Lebensmitteldebatte, sie tobt nicht. Die Erkenntnis war im Feuilleton schon zu lesen, daß, den allgemeingültigen Aufmerksamkeitszyklen folgend, die „Debatte“ um Dioxin und Massentierhaltung, um Fleischverzehr und Konsumhaltung im Zweifel genauso schnell geht, wie sie gekommen ist; spätestens wenn auf dem Stern eine halbnackte Frau in einen Kohlrabi beißt, weil Vegetarismus nämlich der neue „Trend“ sei, kann man das Thema getrost abhaken. Eigentlich konnte man es mit J. S. Foers Tier-Aufeß-Buch schon abhaken, denn Kulturindustrie, wußten schon Adorno und Horkheimer, schlägt alles mit Einerlei. Da schreibt also ein amerikanischer Intellektueller ein Buch darüber, wie schlimm es in Tierfabriken zugeht, und daß man, wenn man nicht will, daß dies geschehe, weniger oder am besten gar kein Fleisch mehr essen soll, und wenn schon, dann möglichst Bio. Das dürften aber die meisten Foer-Kunden schon gewußt haben, genau wie alle, die K. Duves deutsches Remake zum Thema „Anständig essen“ kaufen. Derlei, und das macht die Sache ärgerlich, ist kaum mehr als (neu-)bürgerliche Selbstverständigung übern Lifestyle-Gartenzaun und überdies ein kühl kalkulierter Auflagengarant mit den absehbaren, lästigen Folgen: Artikelstrecken, Rezensionen, Interviews, bis er plötzlich da ist, der Trend. Der dann so aussieht, daß Nathalie Portman über Nacht Veganerin wird und ein paar hundert Großstadtbewohner mehr den Fleischkonsum ablehnen. Weil’s nämlich angesagt ist. Verstehen wir uns nicht miß: Damit sei nichts gegen den Vegetarismus gesagt. Die Haltung, Lebewesen, Säugetiere zumal, zu konsumieren wie Papiertaschentücher, ist, selbst wenn man die Moral wegläßt, ein globalökologisches Unglück, und in der Süddeutschen (die halt doch manchmal dramatisch nützlich ist) wies jetzt ein Altphilologe auf den möglichen Zusammenhang von religiös-rituellem Tieropfer und einem allgemeinmenschlichen Grusel bei der Tierschlachtung hin, die höheren Orts angeordnet werden müsse, um erträglich zu werden; Befehlsnotstand, gewissermaßen.

Mit einer industrialisierten Debatte läßt sich Industrie nicht überwinden

Die Debatte, allen Titelstories und Trendausrufungen zum Trotz, tobt jedenfalls mitnichten, kann es auch nicht, wo alles, was der herrschenden Ordnung des notwendigen Verbrauchens zuwiderläuft, in Lifestyle- und Trendsanktuarien isoliert wird, zu denen Leute, die nicht Monocle, sondern Bild lesen, keinen Zugang haben. Die reflexhaft sensationalisierende Behauptung, diese Debatte „tobe“, biegt den „Verblendungszusammenhang“ (Adorno/Horkheimer) zum Kreislauf zurück, indem sie diese „Debatte“ mit derselben kulturindustriellen Reklametechnik verramscht, die Johannes B. Kerners Einsatz für Trash-Geflügelwurst so breitenwirksam macht. „Natur wird dadurch, daß der gesellschaftliche Herrschaftsmechanismus sie als heilsamen Gegensatz zur Gesellschaft erfaßt, in die unheilbare gerade hineingezogen und verschachert“ (Dialektik der Aufklärung). Mit einer industrialisierten Debatte läßt sich Industrie nicht überwinden, und solange alles Industrie ist, wird niemals eine Debatte zum Thema Tierkonsum toben. PS: „Vorweg möchte ich meine Bestürzung über den dramatischen Tod der beiden Marinesoldatinnen der Gorch Fock und mein Mitgefühl für die Angehörigen zum Ausdruck bringen“ (“The European, 27.1.(Link)”:http://www.theeuropean.de/david-baum/5525-ich-bin-ein-marinesoldat-holt-mich-hier-raaaaauuuuus) – der Tod der Marinesoldatinnen mag vieles gewesen sein: schlimm, unnötig, evtl. sogar tragisch – aber dramatisch, das war er nicht. Ganz wie im richtigen Leben: Es sind meist die dümmsten Wörter, die Karriere machen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die erstaunlichen Geschäfte der Greta Thunberg-Lobby

Greta Thunberg bricht mit einem Segelboot in die USA auf. Das globale Medienspektakel um die Klimaschützerin erreicht einen neuen Höhepunkt. Doch im Hintergrund ziehen Profis ihre PR-Strippen und machen erstaunliche Geschäfte.

"Ganz klar die Ausländerkriminalität."

Vor einigen Wochen stellte Friedrich Merz völlig zu Recht - aber natürlich auch völlig entsetzt - fest, dass sehr viele Polizisten und Soldaten mittlerweile Unterstützer der Alternative für Deutschland sind.

Unsere Positionen sind keineswegs AfD-nah

Gern unterstellen unsere Gegner der WerteUnion, unsere Positionen seien AfD-nah. Die Realität ist aber, dass die WerteUnion Positionen vertritt, die über Jahrzehnte unbestritten Positionen der CDU/CSU waren. Leider hat die alte Parteiführung diese Positionen in den letzten Jahren aber über Bord

Der Rest der Welt hält Deutschland für verblödet

Deutschland ist nur für kaum mehr als 1 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, während China, der größte Emittent, vom Pariser Klimaschutzabkommen das Recht auf Steigerung seiner CO2-Emissionen eingeräumt bekommen hat. Die politisch herbeigeführte Verelendung der deutschen Bevölk

Fünf Gründe, die für die E-Mobilität sprechen

Die Absatzzahlen steigen sprunghaft. Die Batterietechnik meldet Durchbrüche. Die Produktion von E-Autos wird ab sofort in gewaltige Volumina vorstoßen. Branchenexperten sprechen vom „Take-off“ der E-Mobilität.

Warum Sie aus der Klimakirche austreten sollten

Es gibt in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen darüber, ob es eine allgemeine Klimaerwärmung gibt und welchen Anteil der Mensch daran hat. Diese unterschiedlichen Positionen werden von Politik und Systemmedien nicht offen diskutiert; vielmehr wird wahrheitswidrig behauptet, dass nur ein un

Mobile Sliding Menu