Mir wird gleich schlecht

von Stefan Gärtner28.01.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Es gibt Menschen, für die ist Ungleichheit ein Wert an sich. Komischer Zufall: Es sind immer die, die von Ungleichheit profitieren.

Nun hatte ich gedacht, der Kapitalismus, nachdem ich ihm sechs Monate lang nach Kräften heimgeleuchtet, ihm seine Widersprüche um die Ohren gehauen und seine Vor- und Nachbeter in den Senkel gestellt hatte, sei (jedenfalls faktisch) am Ende – aber nix, nein, er west und werkelt weiter, und also sei mir ein Blitzcomeback erlaubt, wie es in der Geschichte des Online-Kolumnismus seinesgleichen nicht haben mag. Denn viel (und täglich mehr) gibt es zu tun, bald muss ich hier geißeln, bald dort agitieren, und nur weil der European den mehrfach angefragten Dienstporsche jetzt endlich bereitgestellt hat, kann und soll es an dieser Stelle fürs Erste mal weitergehen; zumal da die Lohnschreiber der herrschenden Klasse ja auch weitermachen, nicht wahr: “Wenn einer Positives am Kommunismus findet“, und die “Florentine Fritzen von der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag gehört zu diesen Spinnern nicht(Link)”:http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~ED68BA0E5405449F4815A2C3B885ACAFC~ATpl~Ecommon~Scontent.html, “obwohl es die stalinistische Vernichtung, den Terror, die Millionen Toten gab, von denen im ‘Kommunistischen Manifest’ nichts steht, dann lobt er nach verbreiteter Meinung die Ideologie trotz der Politik, die aus dieser Ideologie folgte, aber nicht unbedingt hätte folgen müssen. Als hätte der Kommunismus möglicherweise sogar einen guten Kern, was aber angesichts des stalinistischen Terrors nicht interessieren dürfe. Als könnte man zwischen Theorie und Praxis trennen, als wäre das Verbrechen nicht schon in der Theorie selbst angelegt“, die die Frau Fritzen genauso gut kennen dürfte wie den Unterschied zwischen den Konjunktiven I und II. “Der Kommunismus sagt: Die Gleichheit ist das oberste Prinzip. Menschen sind aber verschieden, nicht gleich.“

Ihre Ungleichheit ist die zwischen Habenden und Nichthabenden

Das sind sie in der Tat nicht; aber die Ungleichheit, die Frankfurter Allgemeine Antikommunisten für bewahrenswert halten, ist ja nicht die der Körpergröße, der Hautfarbe oder der Begabung (die es, nebenbei, auch nur als Funktion ihrer sozialen Bedingungen gibt). Ihre Ungleichheit ist die zwischen Habenden und Nichthabenden, und wer in diesem Milieu für Ungleichheit kämpft, der kämpft dafür, dass oben oben und unten unten bleibt, denn alles andere wäre Gleichmacherei. Wenn das Lob der Ungleichheit mehr bedeuten soll, als dass Frauen Brüste haben sollen dürfen und Männer Haarausfall, dann das: Die einen gehen putzen, die anderen shoppen, und das ist gut so; wie diese löbliche, von Generation zu Generation vererbte Ungleichheit stets die verklären, die nicht putzen gehen müssen. “Um einen kommunistischen Staat zu schaffen, muss man nicht nur vielen Menschen ihren Besitz nehmen“, nämlich denen mit den gut gefüllten Doppelgaragen; wer nichts hat (und davon gibt es, gerade im Weltmaßstab, schon mehr als viele), der muss sich davor schon mal nicht fürchten, “sondern man muss auch ihren Charakter ändern, muss ihn vielleicht sogar brechen“, nämlich genau den Charakter, der sich ohne Kommunismus zu Vorstandsvorsitzenden, Outsourcing-Experten, FAS-Redakteuren oder Eventmanagern auswächst, „muss den Menschen den Glauben austreiben“, das muss man allerdings, sie sollen schließlich auf Erden glücklich werden und nicht in einem Himmelsparadies, das es nicht gibt, “und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten erst recht“.

Das ist eine Utopie, okay

Weswegen sich das Verbrechen, das in der kommunistischen Ideologie angelegt ist, haargenau so anhört: “Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“ (Marx/Engels, Deutsche Ideologie). Das ist eine Utopie, okay; aber gewiss weniger Verbrechen als das absichtsvolle Verschweigen der Millionen von Toten, die, von Verdun bis Vietnam, von Deutsch-Südwest bis Afghanistan, auf das Konto des Kapitalismus gehen. (Findet der kritische Kritiker, der es bleiben muss, weil er die Mittel zum Leben braucht.)

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