Wer nicht fragt, bleibt dumm

von Stefan Gärtner14.01.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Zwei Dinge, wusste Einstein, sind unendlich: Das Weltall und die menschliche Dummheit; beim Weltall sei er sich aber nicht sicher. Wer das für die ganze Wahrheit hält, ist allerdings auch nicht der Klügste.

Mein Abschied vom European hat natürlich ganz andere Gründe; aber schwerer macht es mir die sagenhafte Billigkeit der Provokation, die der Kollege (schreiben Sie’s meiner Höflichkeit zu, dass ich das nicht in Anführungszeichen setze) vom Donnerstag da ins Netz gebrochen hat, auch nicht: “diese dumme, selbstredend schwer augenzwinkernde Frivolität, das eigene distinktionsbewusste Mütchen an den Asozialen zu kühlen, die ihr Leben vorm RTL-Fernsehen verhocken und ihre Kinder Kevin nennen(Link)”:http://www.theeuropean.de/david-baum/5359-neues-aus-dem-archipel-prekariat.

Dummheit ist zuweilen amüsant, aber immer inhuman

Zugegeben: Über Kindernamen ist gut lachen, wie Beschränktheit ja durchaus ästhetischen Mehrwert abzuwerfen in der Lage ist und ich mit Eckhard Henscheid sagen kann, “dass mich so unheimlich flache Menschen, die das auch noch voll ausspielen und sich keine Schranken auferlegen, dass mich die sehr faszinieren, ja oft begeistern“. Oder, andersrum, so abstoßen, dass ich sie bei der morgendlichen Zeitungslektüre alle an die Wand stellen möchte, die Dummbatze und sog. religiösen Fanatiker, die, wie in Pakistan geschehen, einen Politiker, der sich für die Milderung eines Blasphemiegesetzes ausspricht, nicht nur ermorden, sondern sogar noch damit angeben und so die verarmten Massen hinter sich scharen, denen der Hass das einzige Superioritätsgefühl vermittelt, das ihnen ihre soziale Lage erlaubt; möchte ich sie geradezu steinigen, die Kotzbrocken, die dieses sowieso idiotische, terroristische Gesetz auch noch missbrauchen, indem sie missliebige Nachbarn denunzieren, so wie im europäischen Mittelalter manche Hexe nur deshalb kohlte, weil der Mönch ihr nicht an die Wäsche durfte. Dummheit ist zwar zuweilen amüsant, manchmal ärgerlich, immer aber ist sie inhuman. Wenn der Sozialismus verlacht wird, dann ja gerne wegen seiner Anmaßung, den “neuen Menschen“ schaffen zu wollen, und der Konservative, hier und anderswo, brüstet sich dann mit seinem gesunden Menschenverstand, wonach man den Menschen so nehmen muss, wie er nun einmal sei: egoistisch, triebhaft, nur am eigenen Wohl und dem der Sippe interessiert. Nehmen wir an, der Mensch sei so (und viel spricht ja dafür): Dann ist es eine zivilisatorische Aufgabe, ihn besser zu machen, wie Kultur und Zivilisation als um so fortgeschrittener gelten dürfen, je weiter sie den Menschen vom Naturzustand entfernen.

Kein goldenes Denksportabzeichen

Aller Dummheit, so lustig oder abstoßend wir sie finden mögen, ist immer eingeschrieben, dass sie nicht sein muss. Das heißt nicht, dass in jedem von uns ein Nobelpreisträger stecke; das heißt nur, dass die allermeisten von uns nicht so dumm sein müssten, wie sie aus Not, Dünkel, Verhetztheit oder Klassenhass sind. Eltern, die ihre Kinder Kevin oder Cindy, Pumuckl oder Pepsi nennen, sind das eine; eine Haltung, die nicht fragt, warum sie das tun, und die Prolos dem Gelächter der sich schlauer Dünkenden preisgibt (deren geistige Überlegenheit sich darin manifestiert, dass sie nicht RTL, sondern Plasberg gucken) das andere. (Nebenbei: Satzkrüppel wie „die Intoleranz der Höllenhunde zu Bildung und Oberschicht weitet sich inzwischen auch auf alle kleinen Ahmeds und Cems aus“ sind auch nicht eben ein Grund für die Verleihung des Goldenen Denksportabzeichens.) Die kurrente, korrekt zitierte Bürgermode, den Nachwuchs mit Namen von anno dunnemals auszustatten, ist natürlich lächerlich; aber auch sie ist mehr als nur dumm und hat, als Instrument im Klassenkampf, einen materiellen Hintergrund, eine materielle Absicht. Früher hießen die Kinder nach Großvätern oder Patentanten; heute heißen die Kinder nach dem Geldbeutel. Wer will, kann das lustig finden. Die hiesige Zahl der “Gefällt mir“-Klicks, die meist positiv mit der Dumm- und Ressentimentgeladenheit des Begrüßten korreliert, ist also erst einmal schlimm, dann traurig; und dann aber ein Beweis, dass die Idee vom neuen, solidarischen, aufgeklärten, für Verhetzungen aller Art nicht mehr anfälligen Menschen auf dem Müllhaufen der Geschichte nichts verloren hat.

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