Schnee

von Stefan Gärtner24.12.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Alle reden drüber, wir auch: ein bisschen Gedankenschnee zu Weihnachten.

Was ist Schnee? Schnee, weiß Wikipedia, ist die häufigste Form des festen Niederschlags, der aus feinen Eiskristallen besteht. Da bleiben jetzt natürlich Fragen offen bzw. jedenfalls eine: Ist Schnee unter allen Niederschlägen, die aus feinen Eiskristallen bestehen, die häufigste Form? Oder ist Schnee die häufigste Form festen Niederschlags und besteht aus feinen Eiskristallen? – Da ist es ja glatt ein Glück, dass wir noch ein analoges Lexikon im Schrank haben. Ist aber vielleicht auch nicht so wichtig.

Alle reden vom Wetter

Alle reden vom Wetter, und die Bahn auch, sodass wir als entschlossene Bahnfahrer das schöne Wort “Weichenheizung“ jetzt auch einmal kennengelernt haben. Für alle, die die Bahn nutzen, ist das aktuelle Schneechaos natürlich ärgerlich, für uns Bescheidwisser und Siebengescheite, die vor ein paar Wochen an dieser Stelle die Meinung vertraten, gegen Stuttgart 21 sei gar nichts einzuwenden, wenn man nur annehmen dürfte, das Geld, das dort verbuddelt wird, werde nicht anderswo tausendmal dringender gebraucht (nämlich für Weichenheizungen), aber eine hübsche, geradezu weltgeistige Bestätigung. Schneechaos. Jetzt hab ich dieses Eumelwort aus dem Handbuch des Phrasenjournalismus auch mal verwendet, einfach aus Neugier, “wie sich das anfühlt“ (Beckmann) – und weiß es jetzt. Man darf sicher annehmen, dass genau die Geländefahrer, die über die Schneemassen doch froh sein sollten, weil es endlich einen Grund für ihr brummeldummes Allradtreiben gibt, genau die sind, die am lautesten drüber schimpfen, weil sie jetzt nicht mehr so schön flexibel sein können und der Schnee auf den Wildlederpumps von Prada halt auch schlimme Flecken macht. Außerdem nutzen Geländewagenfahrer auch gern mal den Flieger, und das ist z. Z. halt echt superscheiße, von daher. Apropos Geländewagenfahrer: Ich wüsste zu gerne, wie hoch die Strafen für Geländewagenfahrer sind, die ihren Geländewagen so egoman einparken, dass sie die Weiterfahrt der Straßenbahn, in der (u. a.) meine Frau sitzt, auf Dauer verunmöglichen. Ich neige ja dazu, mich weniger über die Rücksichtslosigkeit solcher Herrschaften aufzuregen als über die dieser Rücksichtslosigkeit zugrundeliegende stoische Dummheit, die leider eine generalmenschliche ist, wie man am Zustand des Planeten (wie an der bloßen Existenz der Geländewagenfahrerpartei FDP) ohne Weiteres ablesen kann.

Apropos Dummheit …

Apropos Dummheit: “Schnee“ heißt auch ein Roman eines durchaus überschätzten orientalischen Schriftstellers, dem in Istanbul nur ein Apfel aus der Hand zu fallen braucht und schon steht’s in der Frankfurter Allgemeinen. Da brauchen sich die Feuilletonisten und Geistesmenschen gar nicht über den Pöbel und seine Lust am Massentaumel zu erheben – ein Zehntel des kritischen Vermögens, das die Fans des VfB Stuttgart am vergangenen Samstag (Stuttgart–Bayern 3:5) an den Tag gelegt haben, und uns bliebe derlei Heldenverehrung erspart. Aber apropos (gute) Poesie: Das Wort “Gedankenschnee“ aus der Unterzeile ist geklaut; wer weiß, von wem, darf mit dem netten Mann, der mir immer so wirre Leserbriefe schreibt, schön essen gehen (Rechnung bitte an die FAZ, schreiben Sie einfach, Sie wären Orhan Pamuk oder, wenn Sie kein Ausländer sein mögen, Daniel Kehlmann, das geht dann einwandfrei in Ordnung). Jetzt muss ich aber noch die Weihnachtskarte an meine Patenkinder zum Postkasten tragen und Geschenke für meine Frau einpacken, und es is’ ja auch stade Zeit, nicht wahr, da kann und soll eins auch mal die Klappe halten. In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein in allseitiger Freundschaft und Brüderlichkeit durchgeführtes sozialistisches Jahresendfest. Kalt Front!

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