Gutt und besser

von Stefan Gärtner16.12.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Kerner bei Guttenberg: Warum sollte man zwei Clowns dieses Kalibers nicht gemeinsam in die Wüste schicken? Demokratietheoretisch war der viel geschmähte Auftritt jedenfalls ohne Fehl.

Es gibt Menschen, die von “Realität” schon nur noch als “sogenannte” sprechen, weil Realität jenseits dessen, was an Küchen- oder Bürotisch stattfindet, nur mehr eine durch einen langen Instanzenweg vermittelte sei; und das, was aus dem Fernsehapparat kommt, ist halt nicht die Wirklichkeit. Diese Ansicht hat einiges für sich, denn wir wollen uns gar nicht ausmalen, was wir von einer Wirklichkeit hielten, in der Quatschfernsehmoderatoren ihren ökologischen Fußabdruck nur deshalb vergrößern, um dem “Mann des Jahres” (Focus, da sind die Plätze an der Wand freilich längst reserviert), nämlich dem Bundesverteidigungsmi nister, in dessen afghanesischem Führerhauptquartier unkritische Fragen zu einem sinnlosen Wüstenkrieg zu stellen. “Für die Aufzeichnung seiner Sendung mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im nordafghanischen Bundeswehr-Hauptquartier in Masar-i-Scharif ließ Sat1-Talkmaster Johannes B. Kerner 14 Mann und 5,7 Tonnen Ausrüstung einfliegen” (“Süddeutsche Zeitung(Link)”:http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/516193). Man kann sagen, es hat sich gelohnt.

Die Soldaten sind froh, mal lebend ins Fernsehen zu kommen

Was schelten sie Guttenberg jetzt alle: “Dass es ihm bloß um PR gehe, um Show und Tingeltangel(Link)”:http://www.theeuropean.de/jost-kaiser/5186-guttenberg-auf-truppenbesuch – und sind aber, wenn man mich fragt, bloß neidisch, dass da einer die Idee von der Mediendemokratie besser begriffen hat als der Rest und Politik nicht fürs Feuilleton macht, sondern für Bild und Glotze, was, wie Bundeskanzler Schröder schon wusste, allemal reicht, um sich in Deutschland in politischen Sätteln zu halten. Bei den Soldaten (die halt froh sind, mal lebend ins Fernsehen zu kommen) ist der Guttenberg’sche Ausflug jedenfalls sehr gut angekommen, “tatsächlich haben die Soldaten im Publikum vor und nach der Aufzeichnung dem Minister heftig applaudiert, wie Mitreisende berichteten“ (SZ), und als Freifrau Stephanie, seine – wie Kenner der Szene finden, die weniger Respekt vor ihr und ihren Anwälten haben als wir – zusehends lästige, von allem Gedankenähnlichen entschlossen abstinente und deshalb jede Gelegenheit zum kamerawirksamen Auftritt resolut ergreifende Kinderschützerblödelgattin, ihre Dudeln durchs Quartier schob (wofür’s außer wahrscheinlich acht Seiten in der Bunten schon gar keinen Grund mehr gab), da passte wieder alles wie der Arsch auf den Kübel, dessen stinkendster, man weiß es, im Hause Springer steht: “Wir finden es GUTT!“ (Bild)

Man mag ihn für einen Lumpen halten, aber für einen ehrlichen

Ja. Bzw. materialisierte sich, wofür wir geschulte Beobachter dankbar sein dürfen, im Frontbericht von Kerner und Gutti (2 x) der Showcharakter, den Politik notwendigerweise da annehmen muss, wo es die Stimmung ist, die Wahlen gewinnt und wo die Medien nicht schlecht dafür bezahlt werden, den Stimmungsmacher zu geben. Der Einwand, dass die Frau eines Verteidigungsministers bei einem Truppenbesuch ihres Mannes nichts zu suchen habe, sticht nur dann, wenn man nichts von Bewusstseinsindustrie wissen will, die das Bild vom treusorgend-lockeren Truppenvater Guttenberg längst vieltausendfach in die Köpfe der Springer- und Burda-Kundschaft gesenkt hat, bevor noch der erste Politfeuilletonist seinen zweiten Morgencappuccino brüht. Dass das Privat-TV (und das öffentlich-rechtliche, das sich längst an ihm orientiert) alles macht, was Quote bringt, sollen bitte nur die beklagen, die vor 25 Jahren das Kabelfernsehen nicht als Gottesgeschenk begriffen; einem Politiker, der weiß, dass ein gut sitzender Anzug und eine dralle Gattin mehr Wählerstimmen bringen als ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist, dass es also die zweite Realität ist, die ihn im Amt hält, und längst nicht mehr die erste, in der gekämpft und gestorben wird für nichts und wieder nichts, kann man zwar für einen Lumpen halten, aber doch für einen ehrlicheren als die, die über Show und PR zetern, aber keine Einladung von Will und Plasberg auslassen.

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