Hirtenstab in Gummi

von Stefan Gärtner26.11.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

In einer durchweg bekloppt eingerichteten Welt ist die Ankündigung eines ihrer Oberbekloppten, eine seiner bekloppten Verfügungen um ein Gramm Beklopptheit abzuspecken, ein weiterer Beweis für unsere Behauptung, die Welt sei durchweg bekloppt eingerichtet.

Deutschland und die Welt im Herbst Anno Domini 2010: Die Iren sind pleite, die Portugiesen so gut wie und deshalb im Generalstreik, und das deutsche Feuilleton lehnt sich mal ganz weit aus dem Fenster und fragt, ob mit der “Idee Europa” nicht doch eher das Europa der Monopole gemeint sei und evtl. sogar der Marxismus recht habe, “der behauptete, die Wirtschaft sei die eigentliche Macht, sozial wie politisch?” (Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung); Inhaber des legendär flexiblen Bachelor-Abschlusses haben Schwierigkeiten, einen Platz fürs anschließende Masterstudium zu bekommen, weil viele deutsche Master-Studiengänge “hoffnungslos überlaufen” (Spiegel Online) sind, und also mit einem Binnen-Numerus-Clausus dafür gesorgt wird, dass es trotz allen Geschwafels von der “Bildungsrepublik Deutschland” in vielen Fällen bei dem ausbeutungsfähigeren und intellektuell nutzlosen B. A. bleiben wird; in Kambodscha reicht das Schaukeln einer schaukelfähig konstruierten Fußgängerbrücke, um die darauf befindlichen Vernunftwesen in Panik geraten zu lassen, woraufhin annähernd 400 von ihnen zu Tode getrampelt werden; eine Bombenattrappe tut das, was sie soll, nämlich eine Stimmung schaffen, die im neudeutschen Wörterbuch des Unmenschen Stimmungslage bzw. eben “verschärfte Bedrohungslage” heißt; ein Themenabend auf Arte zur Klimaerwärmung lässt ein Dutzend Fachleute zu Wort kommen, die alle, mehr oder minder explizit, einen grundlegenden “Systemwechsel” fordern, weil sich mit der kurrenten Wachstumslogik, und sei es auch neuerdings eine grüne, der Planet nicht retten lasse, und alle sagen, auch wenn sie es nicht aussprechen (oder sich dieser Implikation am Ende nicht einmal recht bewusst sind), dass der Kapitalismus abgeschafft gehört, bei Strafe des Untergangs erst vieler anderer und dann unserer Spezies; bis es so weit ist, sieht Kanzlerin A. Merkel Deutschland “auch mittelfristig auf Wachstumskurs” und darf die früher mal als Schriftstellerin gehandelte Else Buschheuer in der Süddeutschen Zeitung unter Hinweis auf den Datenunfall beim Weltklimarat pauschal von “mogelnden Wissenschaftlern” und “falschen Zahlen” käsen und klimawissenschaftliche Fakten wie der allerdümmste Weiter-so-Narr als “Fakten” (in Anführungszeichen) denunzieren; lt. Presse werden “Elite-Grundschulen” mit 35 (!) Wochenstunden und drei bis acht Fremdsprachen für Sechsjährige von Mittelschichteltern mit sog. Statuspanik, die ihre Kinder “fit für die Leistungsgesellschaft” machen möchten, überrannt; Nord- und Südkorea schießen mit Granaten aufeinander; und in dieser Atmosphäre des multiplen und selbstverständlich infiniten Wahnsinns rückt ein alter Mann in einem komischen Kostüm, der (jedenfalls offiziell) seinen Hirtenstab noch in keinem Klingelbeutel gehabt hat, von einem Präservativ-Verbot ab, das sich seine Firma selbst ausgedacht hat, weil sie von derlei Massen- bzw. Unterbildetensuggestion lebt, unter Berufung auf einen Mann, der gewiss vieles war, aber nicht der Sohn eines inexistenten Gottes, der, falls es ihn gäbe, es aber auch seltsam fände, dass seine Stellvertreter den Befehl geben, dass die Leute sich und ihren Planeten zu Tode vögeln, nur weil das vor 2000 Jahren und unter völlig anderen Bedingungen mal einer so dahingesagt hat.

“Groß wäre das Entsetzen, groß und wirklich die Verwandlung”

Sich über den katholischen wie insgesamt christlichen wie allgemeinreligiösen (und gleichzeitig stets kapitalistischen) Schwachsinn zu echauffieren ist allerdings so müßig, dass ein Verweis auf Lenin hier genügen mag: “Es genügte, wenn man den Mut hätte, jene Art von Hoffnung abzuwerfen, die nur Aufschub bedeutet, Ausrede gegenüber jeder Gegenwart, die verfängliche Hoffnung auf den Feierabend und das Wochenende, die lebenslängliche Hoffnung auf das nächste Mal, auf das Jenseits – es genügte, den Hunderttausenden versklavter Seelen, die jetzt an ihren Pültchen hocken, diese Art von Hoffnung auszublasen: Groß wäre das Entsetzen, groß und wirklich die Verwandlung.” Ah, Pardon, ist ja gar nicht Lenin; ist Max Frisch. Haben auch Sie im Bücherregal.

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