Kommuniziert die Welt bald nur noch mit Visuals & Slogans, um ihre Botschaften und Aussagen zu vermitteln?

Stefan Endrös10.12.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Worte sind Schall und Rauch! Keiner liest sie mehr – oder hört zu und will sie verstehen. In welcher Art von Sprache müssen wir dann kommunizieren? Wie uns verständigen? Eine Gesellschaft braucht eine gemeinsame Austauschebene, aber was passiert, wenn die Kommunikation zerfällt in tausende Einzelteile, Mikro-Communities, Worte und Worthülsen ohne gemeinsamen Nenner. Ohne gemeinsames Verständnis? Es passiert, was passieren muss: Die Menschen setzen auf schlichte „Symbole“ statt komplexer Zusammenhänge oder Erklärungen: einfach, allseits verstehbar, visuell. Und jeder kann das hineininterpretieren, was er darunter verstehen will. Signs – Symbole werden zur neuen „Sprach“-Kultur.

Der neue kommunikative „Symbolismus“ in Marketing, Kunst, Politik und Gesellschaft

Sieht oder hört man „Gelbwesten“, scheint für jeden scheinbar klar, was gemeint ist. Protest, Unzufriedenheit, Straßenblockaden, Krawall. Aber ist wirklich alles klar? Wofür die „gelben Westen“ stehen, was sie ausdrücken sollen, was symbolisieren? Ist es das Volk gegen die Regierung, arm gegen reich, Land gegen Stadt, Kommunikation von Leuten, die sich anders nicht mehr einbringen können in der Gesellschaft? Irgendwie und irgendwo in Frankreich? Ist es Randale, Anti-Klimaschutz-Protest oder das Aufbegehren von Leuten, die um ihre Pfründe fürchten?

Die „gelben Westen“ sind ein schlichtes Symbol: visuell, klar, ausdrucksstark, sichtbar. Trotzdem kann jeder darunter verstehen, was er darunter verstehen will. Das macht es einfach. Das symbolische Tragen der Autoschutzwesten dient als Mittel zum Zweck: mit einem kurzen, sichtbaren Signal eine Botschaft zu vermitteln. Und jeder glaubt, sie zu verstehen. So funktionieren heutzutage Aussagen, Meinungsbildung, – und Themenvermittlung. Symbolische „Bilder“ werden zum Vehikel. Inhalte verschwinden dahinter. Auf Facebook und in WhatsApp-Gruppen genügen kurze, schlicht bearbeitete Bilder oder Videos, um Haltung auszudrücken: Anti-Merkel, Ausländer-Kriminalität, Migranten, Klimaschutz – schon mit einem simplen, symbolhaften Aufschrei- oder „Schau mal-“Foto wird eine Unzahl an Aussagen scheinbar prägnant mittransportiert. Ohne Differenzierung, Klischees nutzend, Plattituden einkalkuliert. Aber jeder „versteht“ sofort, was gemeint ist.

Aber funktioniert das wirklich? In der einen wie in der anderen Richtung? Nehmen wir „Greta“. Ein Kopf, ein Bild, das – wie „Trump“ und dessen Frisur – längst zu einem Symbol einer Überzeugung geworden ist. „Greta“ steht für das Aufbegehren der jungen Generation gegen die Vernachlässigung des Schutzes unserer Erde für die Zukunft. Greta steht für eine Haltung, einen Aufschrei. Auf der einen Seite. Aber auf der anderen Seite wird ihr Bild genutzt als Symbol für ein mißgeleitetes junges Mädchen, das unsere Konsum- und Wohlfühlgesellschaft in Frage stellt. Unseren Lifestyle. In Facebook-Posts wird sie denunziert, veralbert, angegriffen.

Symbol Greta. Symbol „Gelbwesten“. Wohin soll Kommunikation führen, wenn sie vereinfacht? Wenn sie auf verbindende Worte verzichtet und auf komplexere Zusammenhänge. Wenn sie auf visuelle Kurz-Interpretationen setzt, statt auf den Diskurs? Schon früher nutzten Politiker, Könige, Diktatoren, die Kunst des Symbolismus. Statuen auf den Stadtplätzen zeugten von der Macht, der Kraft der Herrscher und transportierten die zu vermittelnden Aussagen. Egal ob Lenin oder Mussolini, die Statuen symbolisierten ihre Präsenz. Und ließen den Interpretationen freien Raum, was darunter zu verstehen sei.

Eigentlich ideal. So musste man sich nicht um die Details kümmern. Zu viel Steuern, zu viel Staat, zu viel Krieg? Der Blick des machtvollen, gütigen, zukunftsweisenden Herrschers stand erhaben über solchen „Kleinigkeiten“. Symbolhaft „gut“ eben. Worte überflüssig. Zwar mag sich in den letzten Jahrzehnten zum Teil eine neue, konstruktivere Debatten- und Politik-Kommunikation durchgesetzt haben. Doch in den letzten Jahren kehrt der schlichte Symbol-Populismus mit Vehemenz zurück: symbolische „Statuen“ und Status-Symbole statt komplizierter Diskussionen. Politik und politische Diskussion möchten gern wieder nur auf schlichte Plakat- und Social-Media-Slogans setzen.

„Kante zeigen“, wie das dann wohl so schön heißt. Das Problem: Die Slogans haben meist so wenig Aussagen wie der früheren Feldherrn-Bronce-Figuren auf den Stadtplätzen – und weniger Bild-Kraft: „Damit Deutschland stark bleibt“, „Wir für Deutschland“, „Gemeinsam erfolgreich“, „Zukunft wagen“, „Wir sind vorne“ …  Keine Interpretationsmöglichkeit, keine Visionierung. Politik nutzt Sätze als eine Art Zeichen: „Yes we can“ war Obamas Leitspruch, der die Menschen erreichte. Wie ein Markenzeichen. Wie eine Botschaft. Demonstrationen und Bewegungen setzen auf die kurzen Sätze: „Gleiches Recht für Tiere“ für Tierschutz, „Mia hams satt“ für besseres, gesünderes Essen …

„Mia san mia“. Auch der FC Bayern und der Spitzen-Fußball („Echte Liebe“) verwandeln auf diese Weise ihre Fan-Emotionen in passende, prägnante Kurz-Formeln. Dazu die Gesichter der Stars. Fertig! Und die großen Firmen setzen auf ihre „Marken“, schnell wirkende Werbe-Brands über alle Medienkanäle – mit den entsprechenden kurzen Slogans und Visuals zugleich: ob in TV-Spots oder online mit Banners versuchen sie, knackige Botschaften geschickt und aufmerksamkeitsstark zu inszenieren, um ihre Kunden schnell zu erreichen. Bilder, Bildfolgen, Farben und Musik, die direkt ins Gehirn wirken, Emotionen auslösen und Kaufreaktionen auslösen.

Schaut so die Zukunft der „Sprache“, der Kommunikation aus? Statuen, Skulpturen, Wortmarken – alles Kurzusammenfassungen schwieriger Zusammenhänge. Schlicht nur noch Symbole“, laut Wikipedia Kennzeichen und Sinnbilder, die für eine bestimmte Sache stehen – und so die Bedeutung einer Sache vermitteln? Kurz und bündig. Ohne zu große Differenzierung. Müssen wir jetzt alle eine coole Kurz-Marke werden mit unseren Ideen, Aussagen und Meinungen, um überhaupt verstanden zu werden? „Gut rüber zukommen“? Und wie dann einen solchen ausführlicheren Debatten-Text „titulieren“. Als Symbol? „Stopp Communication!“. „Make it short & handsome“? Keep it simple!

Die Kunst ist in Richtung „Symbole“ schon lange auf dem passenden Weg. Künstler haben seit jeher eine Meisterschaft darin entwickelt, Botschaften „symbolhaft“ kurz zu vermitteln. Durch Farben, durch Formen, durch „Zeichen“. Die kirchlichen Symbole prägten Generationen über Jahrhunderte. In Gemälden, als Skulpturen – jedes Zeichen hatte seine Bedeutung, seine religiöse und mahnerische Aussage, seine „Vision“. Moderne Künstler haben das wieder aufgegriffen. Andy Warhol nutzte seine Pop Art-Tomaten-Dosen und Beuys Filzhüte, Objekte, Rauminstallationen, „Multiples“ bis zu  Badewannen – und Aktionen mit „Symbolcharakter“: allesamt Energieträger, wie er das nannte. Und die Streetart-/Graffiti-Künstler setzen seit Jahren auf ihre „tacks“ – ihre gesprühten Botschaften auf Hauswänden, Brücken und Zügen.

Niclas Castello, deutscher Künstler und einer der bestbezahlten Kunst-Stars der Welt, startete seine Erfolgs-Tour unter anderem mit seinen berühmten Lippenskulpturen: „Kisses“, große sinnliche, sinnhafte Lippen als Ausdruck von Hedonismus und Lebenslust, meist voll in rot, die nicht nur in Museen, sondern auch vor Clubs und Restaurants als Kunst-„Symbole“ erfolgreich ihren Platz fanden. Castello plante – konsequent – sogar eine Version davon aus purem Gold. Er verkaufte in Hollywoods „in“-Boutiquen und Galerien eigens designte Feuerlöscher mit Chanel- und Hermes-Logo. Und er „zerknüllt“ aktuell seine gemalten Leinwände und setzt sie als solche dann hinter Plexiglas – wie dreidimensionale Kunst-Schaufenster-Skulpturen.

Kunst, keine Frage, ist ideal, um in der heutigen Zeit sichtbar aufzufallen, etwas vermitteln. Auch wenn es politische Zeichen sind. Eines der erfolgreichsten Kunstwerke der letzten Documenta in Kassel war der Obelisk des nigerianisch-amerikanischen Künstlers Olu Oguibe. Das 16 Meter hohe „Flüchtlings-Denkmal“ auf dem Königsplatz von Kassel kam bei den Documenta-Besuchern an und wurde zu deren Lieblings-Werk gewählt. Doch die symbolhaften Aussagen waren nicht „neutral“ genug: zu viel Aussage, zu viel Thema. Und so schafften es die Verschlingungen der Stadt-Politik, dass das Documenta-Kunstwerk urplötzlich wieder abgebaut werden musste – wegen „Störung“.

Insofern scheinen auch der Kunst Grenzen gesetzt, um mit ihren bildhaften Symbolen Sprache, Botschaften und Aussagen populär zu machen, zu verfestigen, zu visualisieren – und zu transportieren: Verantwortung, wichtige gesellschaftliche Trends und Meinungen in knapper, verstehbarer Form für breite Zielgruppen sichtbar zu machen, Politik. Gesellschaft und Diskussion wieder zu „symbolisieren“, zu verbildlichen.

Was bleibt uns also noch? Sind wir wirklich am Schluss nur noch auf die neue „künstlerische“ Zeichensprache angewiesen: die von Computer-Nerds erfundenen „Emoticons“ J, die von Apple 2011 eingeführten Emojis, Bildsprachzeichen, die bestenfalls alle Menschen in gleicher Form gleich verstehen?. Herzen und Männchen, Frauen und Früchte, Tiere und Affen, Blumen und Sonnen, Smileys und Flaggen. „Weltsprache Emojis“ titelte die Süddeutsche Zeitung im Sommer. Eine neue visualisierende „Zeichensprache“, die – ausgewählt durch ein Komitee in Kalifornien –von der ganzen Welt weitgehend „gleich“ verstanden wird. Unsere digital Welt, die sich verkürzt auf „gefällt mir“/“gefällt mir nicht“ – und Bildchen. Kurz und knapp und bündig.

Besser ist es, wir nehmen den „Trend“ zu Symbolen in die eigene Hand. Wir bringen den neuen Kommunikations-„Symbolismus“ als notwendigen Katalysator komplizierter Dinge, Diskussionen, Debatten oder Erklärungen symbolisch auf den Punkt – mit Köpfchen, mit besonderen Aktionen, Ideen, Visionen, die Aufmerksamkeit schaffen, auffallen und im Gedächtnis bleiben.

Kreativität ist gefragt – mit Kompetenz: positiv Zeichen setzen eben. Kunst ist da einer der Vorreiter, um zu zeigen, wie es geht, Dinge auszudrücken, zu visualisieren. In einem Blick bestenfalls. Aber auch in Politik, Marketing und Medien wird es immer mehr darauf ankommen, ein klares Bild zu zeichnen. einfach, verstehbar, bildhaft, aber fundiert. Zwar kann jeder dennoch weiterhin genau das hineininterpretieren, was er verstehen will. Dennoch werden „Signs“ – Symbole zu einer Art neuen vermittelnden „Sprach“-Kultur.

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