Das Zeitalter der Kooperationen hat längst begonnen

von Stefan Endrös22.05.2019Außenpolitik, Innenpolitik, Wirtschaft

Handelskriege, Abschottung, Mauern, „America first“! Jeder schaut auf sich, jeder gegen jeden. Doch auch wenn es sich nach dem Gegenteil anfühlt: Das Zeitalter der Kooperationen hat längst begonnen – zusammen statt gegeneinander, findet unser Autor Stefan Endrös.

*Entgegen den laut wirkenden populistischen Postulaten aus der Politik hat sich dahinter „im Stillen“ längst bei Unternehmen, Forschung, in Kommunikation und Marketing die Erkenntnis durchgesetzt, dass in einer komplexen Welt der Einzelkämpfer aufgeschmissen ist: Kooperativ denken und handeln ist das neue Motto.*

Früher schien alles ganz einfach: verdrängen, gewinnen, überleben. Jeder ist sich selbst der nächste“. So schienen sowohl Weltwirtschaft-Konzepte wie große Kommunikationsstrategien der großen Industrie- und Markenunternehmen zu funktionieren. So schien es in Forschung und Politik zu laufen: Nur der Schnellste gewinnt, nur der Raffinierteste. Als das Jahrzehnt des „Copy-“smus wurde der Trend beschrieben: Angeblich kopierten chinesische und aufstrebende Unternehmen egal wo einfach fremde Ideen, Produkte und Entwicklungen – und machten das Gleiche blitzschnell für sich allein. Ob bei Lifestyle, kreativen Impulsen von Mode über Business, bei Kunst oder technischen Innovationen, jeder hatte das Gefühl, die Umsetzung wie Durchführung selbst für sich am besten zu können. Hauptsache, das Geschäft stimmt.

Einfach denken, einfach handeln: Unter diese Prämisse wirkte die Zukunft ganz simpel. Mit genug eigener Power sind alle Probleme zu lösen, alle Herausforderungen zu meistern. Das galt bei Unternehmen genauso wie im Privatleben. Das „Chuck-Norris“-Lebensprinzip wirkte wie der Weisheit letzter Schluss. Mann ist Mann, Frau ist Frau, jeder packt sein Leben an –und keiner gibt zu, nicht alles allein zu können. Single-Sein wird ebenso zum Ego-Shooter-Prinzip ebenso wie der Mythos der autarken Familie: Job, Kinder groß Ziehen! Das „Ich mache das selbst – ich bin nicht angewiesen“ als Sinnbild scheinbar unantastbarer Selbstbestimmung. Gut ist nur, wer sich selbst allein im Griff hat.

Leider hat sich die Wirklichkeit als weitaus komplexer erwiesen, als derartige Mythen. Im Privaten wie draußen in der Welt. Als erstes kamen die Forscher zur Erkenntnis, dass Wissen zu teilen wichtiger ist, als „Wissen ist Macht“. Nicht jedes Labor kann alle Einzelteile für sich allein entwickeln und zusammenfügen. Erst durch das Zusammenspiel entsteht die eigentliche Idee. Der Fortschritt. Interdisziplinär, international, multimethodisch. In der Medizin, der Wissenschaft, an Universitäten und Instituten – überall wirken Teams zusammen, um die Schlagkraft zu erhöhen, die einzelnen Fach-Positionen fügen sich zusammen, die neue Richtung entsteht. Letztlich die Lösung.

Jetzt sind die großen Firmen aufgesprungen. Viel zur vielschichtig die Aufgaben, um die Zukunft zu bewältigen, als dass es jeder für sich selbst stemmen kann. „Autonomes Fahren“, die neuen Herausforderungen der Mobilität, Energiewandel, Digitalisierung, Kommunikation der Zukunft. Hier sind die Veränderungen so gewaltig, dass nur durch ein Zusammenwirken der Kräfte die notwendige neue Richtung geschafft werden kann. Konzerne wie BMW und Daimler bündeln und koordinieren plötzlich ihre Aktivitäten. Chinesische und deutsche Unternehmen schließen sich zusammen: Allianzen entstehen, global vernetzt agieren, sich austauschen. Samsung und Apple kooperieren mehr, als sie öffentlich aufzeigen. Multilateral. Es gibt keine einfachen Antworten auf komplex-komplizierte Notwendigkeiten.

Auch in der Kommunikation und Marketing haben sich neue Begriffe festgesetzt: „Ingredients Marketing“, „Cooperation Marketing“: zusammen die Stärken bündeln für ein gemeinsames, größeres Ziel. Jeder gibt seinen Teil zum Ganzen dazu, seine Ingredients, seine Bestandteile zum Erreichen der (Werbe-)Ziele, die jeder für sich kaum noch bewältigen kann: Aufmerksamkeit erreichen, Sinnhaftigkeit vermitteln, digitale Herausforderungen meistern. Da heißt auch im Marketing und für wirksame Werbekampagnen immer öfter das neue Motto: zusammenwirken ¬statt gegeneinander agieren, Budgets bündeln – Co-Branding. Wer früher bestenfalls einmal mit ein paar Partnern eine gemeinsame Promotion umgesetzt hat, oder ein Projekt gesponsert, setzt jetzt auf „ kooperatives Marketing“: jeder mit seinen Stärken – für gemeinsame Ziele und abgestimmte Kampagnen.

In der Politik muss sich der Multilateralismus als das Zusammenwirken der Kräfte erst wieder neu behaupten. Denn die globalen Absprachen wirken so schrecklich unbeweglich, so ineffizient: UNO, G7, G12, G 30. Aber auf der anderen Seite sind die zu bewältigenden Aufgaben viel zu groß für einsame Lösungen: Klimawandel, Erderwärmung, Armut, Weltbevölkerung, Hunger, Kriege, Handelskonflikte. Über Gremien, Fachleute, Konferenzen, mühsame Abstimmungen wird versucht, eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu suchen. Wer jeweils nach den kleinen Schadensbegrenzungen jagt, wird schnell allein im Regen stehen. So sehr er auch darauf hofft, für sich Fakten zu schaffen.

Zuletzt im Alltag, im Persönlichen: Auch hier endet das Zeitalter des Einzelkämpfers zugunsten des positiven Team- und Networking-Gedankens: statt in schlichten „Entweder/oder“-Positionen zu denken, in „Schwarz & Weiß“, erfordert das neue Motto eine andere, weitaus komplexere Haltung, um mit den neuen offeneren Menschen- und Gesellschaftsformen umgehen zu lernen: Das „Sowohl als auch“ als neues Lebensprinzip. Im Sinne von Empathie und Verständnis. Ob im Dorf zum Bau der Umgehungsstraße oder zum regionalen Schulsystem – ohne breit angelegte Interessensabwägung gibt es keine passende Entscheidung. Nicht einmal im Privaten. Das erfordert Stärke, Power und Offenheit. Das braucht Überzeugung, Selbstbewusstsein und Souveränität. Raus aus den Schubladen, hinein in eine Welt der vielen Zusammenhänge, der Kooperationen, gegenseitiger Unterstützung – und dem Zusammenspiel individueller Stärken in einem flexibel-toleranten System. Irgendwie altmodisch und modern zugleich.

Mit anderen Worten: einfach war gestern. Monomanie ist am Ende. Doch die Trennung vom tief verankerten Mythos des einsamen Wolfs, der einsam über die Steppen streift, um sich durch sein Leben zu schlagen, fällt offensichtlich schwer. Das Loslassen vom „Do-it-yourself“, vom Gefühl, alles selbst in der Hand zu haben. Die Komplexität und Vielschichtigkeit der Entwicklungen führt zu einer Verunsicherung der Menschen. Wer will sich schon freiwillig trennen vom Gefühl der Selbstbestimmung, bzw. des Traums davon. Wer will sich wirklich klar vor Augen halten, dass es eine Illusion ist, alles selbst zu regeln. Selbstbestimmt und selbstbewusst.

Das Bewusstwerden dieses Kontrollverlust führt zu Irritationen, letztlich zu Angst. Alles zu komplex, zu verwirrend. Nichts mehr im Griff. Es hilft offensichtlich nichts, allein auf sein inneres Ich und Ego zu schauen, um alles zu regeln. Insofern ist es nur konsequent, dass es überall geistige wie politische Strömungen gibt, die vorgeben, alles sei alles weiterhin ganz einfach zu klären: gerade aus, mit klarer Kante, einfach drauf!

Trumps Mono-Ego-Diskurs ist das beste Beispiel: Mauer hoch, Abschotten, Zack. Steuern runter, Kriminelle weg, Gewinnen. Die Sehnsucht nach klar-schlichten Lösungen scheint riesengroß. Gegen die Überforderung, gegen die Differenzierungen, gegen zu viel Abwägungen und Zusammenhänge. Endlich nimmt es einer in die Hand. „Es muss doch einfach einer richtig machen“, lautet die Losung. Nicht nachdenken, nicht abwägen, einfach machen: Man baut eine Mauer. Man schützt sich, man bewaffnet sich. Es ist die nostalgische Sehnsucht nach simplen John-Wayne-Lösungen.

Wer schaut dabei schon gerne genau genug hin, um zu wissen, dass jeder scheinbar noch so einfache, klare Schritt auf der anderen Seite eine Gegenreaktion verursacht: Die Waffen führen zu Schießereien, die Mauern zu neuen Auswegen und Flucht-Routen. Es ist ein großes zusammenhängendes System, in dem sich heutzutage – wie in einem Spinnennetz – jeder Lösungsansatz, jede Bewegung wechselseitig bedingen. Ein Netzwerk an Aktion und Reaktion. Ein extrem komplexes System, das kein einzelner allein mehr beherrschen kann.

Es braucht eine neue Ära. Die kooperative Ära. Das Zeitalter der Zusammenhänge. Networking als Systemwechsel – weg vom Ego-Working. Spezialisten schalten sich zusammen, in einer agilen Form des Arbeitens, in einer modernen Form des Denkens: Co-Working, Kollaboration, Co-Kreation. Jeder bringt selbstbewusst seinen Teil der Lösung und trägt so zum großen Ganzen bei. Es ist eine Herausforderung: loszulassen und Vertrauen zu fassen in die Zusammenhänge, in die Abwägungen zur Lösungsfindung. In der Hoffnung, dass die einzelnen kleinen Puzzle-Teile
– ganz agil – ein neues, großes Bild ergeben. Das neue kooperative Welt-Bild.

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